In Demut. Und Dankbarkeit.

demut

Erinnert ihr euch an „Wir machen es uns zu einfach„? Es war mein erster Besuch in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Es war nicht der letzte. Seit dieser Begegnung ist etwas Zeit vergangen. Und wir haben ein neues, gemeinsames Projekt. Derzeit nähen wir für tegut große Shopper, die anschließend sortiert, mit einem Etikett versehen werden und kommissioniert werden. In dieser Werkstatt. Vor wenigen Tagen dann erhielt ich von der Teamleiterin eine Nachricht:

„Servus Sina,
wir machen ja gerade eure Fashion-Bags und nun sind einige Beschäftigte so begeistert und würden gerne wissen, ob man die auch in Augsburg kaufen kann?“

Meine Antwort:

„Nein, die kann man nicht in Augsburg kaufen. Aber kommt doch vorbei in der Näherei und wir nähen gemeinsam Taschen!“

Heute kamen sie vorbei. Der erste Satz einer etwas älteren Dame, war: „Sina, das antackern macht so viel Spass! So viel Spass!“ Ein etwas gleichaltriger Kollege sagte darauf hin: „Das Sortieren auch.“ Ich war im Nu völlig überwältigt, wie ein Mensch sich so sehr über die in meinen Augen einfachste Arbeit freuen kann. So ehrlich. So aufrichtig. Gleichzeitig kam ich mir schlichtweg beschissen vor, denn ich war es nicht ganz: von vornherein wußte ich, dass ich niemanden aus der Gruppe ernsthaft an eine Nähmaschine setzen darf. Es wäre schlichtweg zu gefährlich. Also sagte ich: „Auf gehts, lasst uns in die Näherei und wir besuchen unsere Ladies. Gemeinsam nähen wir für jeden eine Tasche!“

Im Zuschnitt schnappte sich jeder eine Taschenvorderseite und eine -rückseite. Anschließend gingen wir von Station zu Station, und jede der Ladies verrichtete für jeden einzelnen den gewohnten Arbeitsschritt, bis nach ungefähr einer Stunde zehn Taschen entstanden sind.

„Danke, dass ihr uns die Taschen genäht habt!“, sagte die ältere Dame voller Freude, und hing sich die ihre über die Schulter. „Gerne“, antwortete ich. „Auch, wenn ihr sie nicht selbst nähen konntet!“. Immer noch plagte mich ein wenig das schlechte Gewissen. Die ältere Dame aber sagte: „Wieso? Wir waren doch dabei! Wir haben das doch gemeinsam gemacht! Außerdem ist mir die Maschine viel zu schnell! Und jetzt gehen wir wieder in die Werkstatt und machen die restlichen von uns noch fertig!“

„Von uns“, dachte ich. „Sie machen „unsere“ Taschen fertig.“
Ich verabschiedete die tolle Truppe und ging in mein Büro. Dort sitze ich noch immer. Vor dem Rechner. Mit feuchten Augen schreibe ich diese Zeilen, denn Begegnungen wie diese lehren tiefste Demut. Und Dankbarkeit für alle, was man dadurch verstehen darf.

Teilhabe ist nicht, dasselbe tun zu können. Teilhabe ist, dabeisein zu können.
Teilhabe ist nicht, am gleichen Ort zu arbeiten, Teilhabe ist gemeinsam ein Projekt zu machen.

Danke, lieber Tag.

P.S. Vielleicht fragt ihr euch, warum ich im Foto alle Menschen geschwärzt habe? Weil jeder Mensch gleich behandelt werden soll. So einfach.

12 Antworten auf “In Demut. Und Dankbarkeit.”

  1. Meine vorhergehende Nachricht versandte sich leider ohne Korrekturlesen, daher auf ein Neues: Wow. Bin Sina Trinkwalder-Fan. Habe Ihre Bücher gelesen und erzähle Menschen, die mir wichtig sind, von Ihrer Arbeit. Es ist genau das, was in diesem Beitrag beschrieben wurde, was mich begeistert. Danke für’s Teilen dieser Begegnung!

    1. Liebe Sunnybee, leider sind einige Fakten nicht richtig. Meine Werbeagentur gibt es nach wie vor, wir wollen doch keinen Menschen, der dort arbeitet, erwerbslos werden lassen. Die Agentur gehört nach wie vor meinem ehemaligen Mann und mir. Die Agentur hat mir keine mehrere Millionen eingebracht, aber immerhin so viel, um den Grundstock für manomama zu legen. Ziemlich detailliert findest du die Fakten im Buch: „Wunder muss man Selbermachen“. Am besten, du fragst die Leute vor Veröffentlichung, ob die Angaben in deinen Ausführungen stimmen. Lg Sina

      1. Liebe Sina, entschuldige, da hat mich meine Begeisterung wohl an dieser Stelle die saubere Recherche vernachlässigen lassen. Vielen Dank für deinen Kommentar, ich werde das in meinem Artikel natürlich ändern! Herzlichen Gruß, Sarah

    1. Liebe Lydia, selbstverständlich können Menschen fürs Hobby nähen, auch wenn sie sichtbeeintechtigt oder blind sind. In der Industrie ist das aber schlicht nicht möglich. Ich möchte Dir zwei Gründe nennen: den Sicherheitsaspekt, der sich allein aus den Industriemaschinen bereits ergibt (da würde mir die BG sowas von aufs Dach steigen) und dann ebenso die Leistungsfähigkeit. Diese wird in keinster Weise einem Nichtgehandicapten gerecht. Ich muss als fairer Arceitskraftnehmer auch auf Ausgewogenheit achten. So ist es überhaupt kein Problem, wenn jemand (wie auch bei uns!) taubstumm ist, um die gleichen Voraussetzungen für die Arbeit an der Maschine mitzubringen wie jeder andere auch. Beeinträchtigten jedoch im Sichtbereich oder aber bei Gliedmaßen (gerade Hand ist ein Problem) wird das nicht realisierbar. Für einen Beruf.

      1. Als sehende Arbeitgeberin ist es völlig normal, dass Du so denkst. Fakt ist jedoch, dass Sehen überbewertet wird. Ich denke, dass es eher eine Frage der richtigen Hilfsmittel und der Arbeitsplatzanpassung ist, und nicht eine Frage des Sehens oder einer körperlichen Behinderung. Die grundsätzliche Frage sollte also nicht lauten: „Was kann der Behinderte alles nicht“, sondern „Was ist mit den richtigen Hilfsmitteln möglich“?

      2. Auch hier bin ich bei dir! Nur gibt es eben keine Hilfsmittel, die Dir ermöglichen, die Arbeit in einer annähernd ähnlichen Zeit wie ein Sehender zu verrichten. Darüber hinaus muss man auch abwägen, wie hoch der zusätzliche Aufwand ist, um Hilfsmittel zu installieren. Beispiel: Markierung von Stoffen der gleichen Qualität in verschiedenen Farben. Alles ist möglich, manches jedoch in einem enormen Aufwand. Und dann geht das eben nicht immer. Das muss man auch akzeptieren. Meine taubstumme Kollegin darf unter keinen Umständen alleine an einer bestimmten Maschine stehen und diese betreiben, da man sich abstimmen muss mit anderen. Was nun? Jemanden nebenhin stellen, der die Arbeit akribisch beäugt und ihre Stimme „mimt“? Möglich. Warum nicht gewünscht? 1. Weil meine Kollegin nicht einmal Lust auf eine Betreuung hat, die für sie die Unterhaltung übernimmt. 2. weil es zu gefährlich wäre. Ergo: man kann alles probieren, aber es ist nicht alles möglich. Das gilt übrigens für alle Menschen. Denn jeder einzelne von uns hat irgendwo etwas, was ihm im Weg steht, für einen Traum. Das schöne? Man kann mehreres träumen. Ich wollte auch immer Opernsängerin werden, weil ich exzellent singen kann. Leider ist meine Stimme gehandicapt und schmeißt nicht den notwendigen Tonraum für eine Königin der Nacht hin. Wer hätte jemals eine halbe Königin der Nacht eingestellt? Siehste. Niemand. Manchmal muss man seine Träume den Fähigkwiten und Fertigkeiten anpassen, die man mitbringt.

      3. Als ich nach meiner Ausbildung anfing im Büro zu arbeiten, wollte mein damaliger Chef, dass eine Kollegen meinen Schriftverkehr auf Rechtschreibung überprüfen, bevor ich s speichern durfte. A konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich ebenso schnell und fehlerfrei schreiben konnte wie die sehenden Mitarbeiter, B setzte er mein Abitur und mein Studium mit einem Lernhilfeabschluß gleich. Eine Behinderung ist nur eine Eigenschaft von vielen Anderen. Und niemand mag es auf diese runterreduziert zu werden. Ich möchte nicht mit Dir ausdiskutieren was ein Mensch mit Behinderung kann und was nicht. Ich möchte nur ein bisschen zum Nachdenken anregen. .

      4. Du musst mich nicht zum Nachdenken anregen, denn ich traue mir zu behaupten, dass ich bei manomama das seit zehn Jahren mache – und umsetze 🙂 Dein eben genanntes Beispiel jedoch ist nicht vergleichbar mit einer häbdischen Tätigkeit wie die industrielle Fertigung von Nahtgut. Es gibt keine Autokorrektur dafür 🙂 Ich finde, man muss schon auch fair gegenüber den Möglichkeiten sein. Digitale Unterstützung wird es künftig zb möglich machen, dass Menschen, die das Handicap des Nicht-Räumlichen Sehens haben, ausgleichen bei uns in der Näherei, ebenso Lupenfunktionen und Nahtvorabprojektionen für Menschen, die eine geringe Sehleistung haben.

      5. Und noch einen Nachtrag möchte ich machen: ich kann nicht nachvollziehen, wie dein Ex-Chef Bildung anzweifeln konnte? Dafür braucht man nur eines: Aufnahmevermögen und ein neugieriges Hirn – egal, welchen
        sonstigen Beeinträchtigungen man hat. Das wäre ja so, als könnte jemand, der einen Gehfehler hat, nicht ordentlich Mathe. Gleicher Blödsinn 🙂

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