Würde los, Gesellschaft!

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Derzeit geht – mal wieder – eine dieser unsäglichen Hartz4-Diskussionen durch unser Land. „Viel zu wenig“, schreien die einen, „mehr als genug“, tönt es von der gegnerischen Seite. Zu allem Überfluss befeuert Jens Spahn, seines Zeichens neuer Gesundheitsminister, also einer DER sozialverantwortlichen Funktionsträger in unserem Staat, mit abfälligen und polemischen Parolen diesen Disput. „Hartz4 ist die Antwort auf Armut“, sagte er. Mehr noch: Er spielt kleine Geldbeutel gegen keine Geldbeutel aus, prekär Beschäftigte gegen Erwerbslose. Jens Spahn hat scheinbar noch nicht seine Aufgabe realisiert. Lieber Jens, hier nochmal fürs Protokoll: Du sollst Armut bekämpfen, nicht Arme!

Das empathiefreie Herumgepolter des Spaltpilz Spahn jedoch beschäftigt die Gemüter so sehr, dass das grundlegend Falsche an der Diskussion verborgen bleibt. Wir diskutieren ausschließlich über die monetäre Höhe des Hartz4-Satzes (übrigens geschieht das auch stets beim Thema Arbeit!). Das ist falsch. Es werden Beispiele in die Öffentlichkeit getragen, wie unlängst bei Lanz (ZDF) von einem FAS-Redakteur, dass jener sich „sagen ließ, dass ein Familienvater mit 2 Kindern in München rund 2600 Euro Hartz4-Aufwendungen bekäme“. Hinterrücks hört man imaginär bereits das Raunen im tiefsten Sachsen. Dass aber dort ein Wasserschloss für dasselbe Geld zu mieten ist wie in München ein Souterrain-Loch mit 20 m2, wird vergessen. Stets wird Hartz4 und die immerwährend geforderten Erhöhungen der Sätze in einem Atemzug mit „würdevolles Leben“ genannt. Im Umkehrschluss heisst das auch, dass ein Hartz4-Empfänger, der mit den Sätzen nicht auskommt, ein unwürdiges Leben leben muss. Wir halten also fest: die Würde des Menschen hat einen Preis. Einen numerischen Wert. Die Würde des Menschen ist nicht mehr unantastbar, die Würde des Menschen wird in Geld aufgewogen. Die Frage nach dem „Wieviel der Mensch als Hartz4-Satz braucht, um in Würde leben zu können?“ ist also eine glatte Themaverfehlung. Denn Kant wußte seiner Zeit bereits: „Nur, was allem Preis überlegen ist, hat Würde.“ Tja, alles ist käuflich in unserer Welt. Jeder ist zu kriegen, für genug Geld. Wir leben schlichtweg in einer würdelosen Gesellschaft und sind Teil von ihr.

In meinem Buch „fairarscht“ schrieb ich bereits, dass wir längst nicht mehr in einer Marktwirtschaft leben, sondern in einer Marktgesellschaft. Alles hat seinen Preis. Alles ist mit Geld zu beschaffen. Selbst die sprichwörtliche „Großmutter“ könnte heute verkauft werden. Zumindest in Einzelteile, auf dem Graumarkt. (Ironie off!). Weil es uns, egal bei welchem Thema, ausschließlich um die Moneten geht, kommen wir nicht zum Kern der eigentlichen Probleme. Wir diskutieren den Preis des Problems, nicht aber den Misstand selbst. Würde aber kann nicht materialisiert und monetarisiert werden. Selbst die Sozialdemokraten machen den großen Fehler der falschen Diskussion, wenn man, wie von Andrea Nahles, Sätze hört wie: „Arbeit ist Würde“. Nein, Andrea, Arbeit ist Erwerbstätigkeit. Und Würde ist allem übergeordnet.

Die Suche nach der Würde des Menschen ist also gleichzeitig das Finden der Antwort auf die Frage nach dem Sein des Menschen. Und die Antwort kann nicht lauten: „3,65 Euro mehr Essenszulage pro Monat!“. Oder aber: „Hauptsache einen Job, scheißegal unter welchen Bedingungen!“

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Der Mensch ist ein soziales Wesen, und Würde kein individueller Wert, sondern nur in Gemeinschaft lebbar. Wenn wir also über Hartz4 diskutieren, müssen wir an allererster Stelle über soziale Teilhabe reden. Menschen, die derzeit nicht erwerbstätig sind, trotzdem den Zugang zur Gemeinschaft ermöglichen. Wir müssen ihnen in gleichem Maße vorurteilsfreie Aufmerksamkeit und aufrichtige Offenheit schenken wie jenen Menschen, die durch beruflichen Stand und Statussymbole in unserer Leistungsgesellschaft als Gewinner gelten. Denn: Jeder Mensch ist gleich. Jeden Menschen nach dem Gleichheitsprinzip zu behandeln ist würdevoll. Wir müssen sofort aufhören, Menschen, die außerhalb unserer Leistungsgesellschaft stehen, zu stigmatisieren. Dieses Handeln ist würdevoll und reichert unsere Gesellschaft nicht nur voller Würde an, sondern bringt sie wieder ein Stückchen zusammen. Dazu übrigens brauchen wir keine Politiker. Damit können wir sofort anfangen. Bei uns selbst. Jetzt.

Übrigens:
Weil es mich interessierte, bin ich eben zu meinen Ladies gegangen. Ich fragte 10 Ladies, von denen ich wußte, dass sie eine geraume Zeit Hartz4 bezogen, ob sie damit auskamen. 4 von 10 kamen damit aus, wenngleich nicht einfach. „Meine Schwester ist Köchin, da haben wir immer einen Plan gemacht, dann geht das mit frischem Essen und günstigen Lebensmitteln.“ Selbst eine Alleinerziehende mit zwei Kindern kam über die Runden. Ihre Schwester mit 5 Kindern, ebenso alleinerziehend, hingegen nicht. Der häufigste  Grund, der fürs Nichtauskommen genannt wurde, war „zu teure Mieten“, der zweite Grund „meine Kinder“. Hier geht es nicht um Würde, sondern um Sicherheit. Und hier braucht es die Politik. Endlich dem Mietwucher ein Ende und vermehrt wieder auf sozialen Wohnungsbau statt spekulativen Penthouseausflügen privatwirtschaftlicher Natur setzen, damit jeder Mensch in unserem Land ein sicheres Dach über den Kopf hat. ein Zuhause. Zu „Kinder“ fällt mir nur kurz und knackig etwas ein: Kinder sind unsere Zukunft. Und die Zukunft ist unbezahlbar wertvoll.

Fazit:
Hartz4 muss existenzielle Sicherheit geben, Würde jedoch können wir nur einander verleihen, wenn wir jedem soziale Teilhabe ermöglichen. 

 

7 Antworten auf “Würde los, Gesellschaft!”

  1. Liebe Sina Trinkwalder,
    in letzter Zeit sehe ich immer öfter Dinge, die mich zutiefst erschüttern und mich fragen lassen, wer sind diese Menschen, die anderen das antun. Immer öfter sehe ich, dass unsere Politiker uns signalisieren, dass wir ihnen am A… vorbei gehen. All das macht mich unsagbar wütend und traurig. Und wenn ich mal wieder so drauf bin, lese ich Ihren Blog. Mir geht es sofort besser, denn Sie zeigen, es geht anders. Danke!
    Bärbel Thürer

  2. Würde! Als ich am 19. Februar 18 die ersten 6 Brichbag Rucksäcke in die Wohnungs-und Obdachlosenbetreuung
    in Gießen gebracht habe, erfuhr ich was Würde ist. Geld wird definitiv überbewertet. Ich bin dankbar für das was ich habe, es ist mir nur geliehen. Daher gebe ich gerne an die Menschen etwas ab, die nicht so viel Glück haben wie ich.

  3. Ein Zitat von P.J. Dunning (1860), das Karl Marx in einer Fußnote im „Kapital“ bekannt machte, wird oft zur Charakterisierung des Profits gebraucht: „Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit, oder sehr kleinen Profit, wie die Natur von der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv und waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“

  4. Liebe Frau Trinkwalter,
    im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland steht geschrieben:
    Art 1
    (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
    Hiergegen verstoßen und verstießen bisher alle Regierungen unserer Republik.
    Bereits das ehemalige ALG II war nur noch ein „am Leben halten“ von Arbeitslos(en). Mit Würde hatte das schon damals nichts mehr zu tun.
    Dann kam Hartz IV, und mit der Würde des Menschen war es komplett vorüber, das Leben wird nicht nur durch knappe Finanzen schwierig, sondern auch noch zusätzlich durch eine Bürokratie die oftmals nicht oder nur sehr schwer erfüllbar ist, belastet.
    Allerdings gilt das nicht nur für H4B, sondern auch für andere „Randgruppen“, wie z.B. Rentner, Flüchtlinge und Dauerkranke Menschen. Hartz IV ist also nur die Spitze des Eisbergs. Das Problem liegt tiefer, nämlich in einer Politik die nicht das Wohl der Menschen, sondern permanentes „Wachstum“, Gewinnoptimierung, sowie staatl. Ansehen durch Außenpolitik in den Mittelpunkt ihres Handelns stellt. Innenpolitsches oder gar sozialpolitisches Handeln ist für unsere Regierungen zweitrangig. Dabei ist genug Geld vorhanden um allen Menschen in diesem Land ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Allerdings müsste dann auf Außenpolitische Abenteuer (Afghanistankrieg, Malieinsatz etc.) verzichtet werden. Tja so einfach wäre es wenn….. und wenn es mehr Menschen wie Sie geben würde.

  5. Wir leben in dem Dünkel, alles „gerecht“ machen zu können.
    „Gerechtigkeit“ versucht man mit Zahlen vorzutäuschen.

    Eigentlich ist es ganz einfach:
    Nehmen wir an, zehn Familien verdienen je 4.000,– pro Monat und zahlen davon 2.000,– an Abgaben für die Allgemeinheit.

    Jede Familie hat also 2.000,– „für sich“.

    Nun entschließen sich zwei Familien, „im sozialen Netz zu surfen“.
    Die Ausgaben für die Gemeinschaft bleiben aber die gleichen.
    Vorher wurden 40.000,– eingenommen, 20.000 blieben für die Familien. Mit 8 „Arbeitsfamilien“ sind es nur noch 32.000,–, wobei für die Familien aber bloß noch 12.000,– übrigbleiben.

    Macht, „Gerechtigkeit“ sei verlangt, pro Familie 1.200,– statt 2.000,–.
    Erschreckend also: 20% Erwerbslose belasten den Rest der Allgemeinheit mit 40% Gehaltseinbuße.
    Wenn wir jetzt vereinfachend davon ausgehen, daß eine Familie etwa 1.000,– Euro feste Kosten hat, dann bleiben, dank der angestrebten „sozialen Gerechtigkeit“, gerade einmal 200 Euro „auf der Hand“ anstatt wie bisher 1.000,–.

    Das geht so nicht weiter und der Grundgedanke der SPD (!) mit Hartz IV war einen Versuch wert.

    Mir geht das Sina-Trinkwalder-Zitat seit Jahren nicht aus dem Kopf, „Teilhabe am gesellschaftlichen Leben funktioniert bei uns nur über bezahlte Arbeit“.

    Manomama hat es damals nicht nur ohne staatliche Unterstützung geschafft, ein Unternehmen zu schaffen, das genau dies umsetzt. Nein, Manomama hat es geschafft GEGEN die Bundesrepublik Deutschland.

    50% (!) der Arbeitslosenbeiträge versickern nutzlos in beknackten „Qualifizierungsmaßnahmen“, welche aber mittelbar den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden zukommen.
    Deswegen bleibt alles so, wie es ist.

    Eine Lösung könnte es sein, dieses Geld in die Hand zu nehmen und mit der „Mutterpause“ Manomama in der Hand, gemeinwirtschaftliche Unternehmen aufzubauen – im Bereich Metallverarbeitung, Elektro, Dienstleistung, Holzverarbeitung…

    Oder gibt es einen Grund, weshalb das Manomama-Konzept nicht „skaliert“ werden kann?

    Zuguterletzt:
    „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, aber man muß sie sich schon selber machen.

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