Vor Arbeit hab‘ ich keine Angst…

Abends, wenn ich nach Hause komme von meinen anstrengenden Tagen, kuschele ich mich in die Decke. Diese besondere Decke, die ich aus Verschnittresten aus unserer eigenen Produktion nähte. Ich liebe sie. Nicht nur, weil es momentan von Vorteil ist bei diesen Temperaturen sich in Schurwolle gewickelt aufs Sofa zu fläzen, sondern weil sie der Beginn ist. Der Anfang.

Mit dem letzten Stich an der Decke wurde mir zugleich klar, dass es keine Chance gab, diese in Menge zu fertigen. Unmöglich, dachte ich. Dabei lag es nicht am Equipment. Die Decke könnte wunderbar mit einer Haushaltsnähmaschine gefertigt werden, allein der Faktor Zeit sprach dagegen. Denn: Zeit ist teuer. 40 Arbeitsstunden und der händische Zuschnitt jeden einzelnen Fleckchen Stoffs würden in rund 800 Euro Verkaufspreis landen. „Unbezahlbar“, entschied ich traurig und sah meine Verschnittreste schon wieder in der Reißerei.

„Was mach mer denn jetzt mit denne Schtückle vom Schurwollstoff?“, fragte mich meine Lydia einige Tage später. „Ich hab dir die schon mal sortiert nach Farbe!“ Lydia ist eine der älteren – nicht alten, guten Seelen bei manomama. Seit über sechs Jahren werde ich morgens mit „Guten Morgen, Sonnenschein!“ begrüßt. Von ihr. Sie sorgt seit Jahren bei uns dafür, dass an den Jeans alle Knöpfe sind, das Warenlager Struktur hat und die Tshirts mit der richtigen Größe versehen werden. Sie ist unser akribisches Adlerauge mit stets guter Laune.

„Nichts“, erwidere ich. „Ach was, Sonnenschein! Ich lass das hier mal liegen, dir fällt doch immer was ein!“, sagte es, schmunzelte und ging. Sie sollte Recht behalten, denn wenige Tage später fügte sich alles zu einem Bild. Ich saß wieder abends auf der Couch, wieder eingewickelt in meine Lieblingsdecke und las einen Artikel in der ZEIT oder der taz, ich weiß es nicht mehr genau. Sicher bin ich mir aber, dass es kurz vor Weihnachten war und mir meine Twitter-Timeline diesen Artikel zufällig in die Aufmerksamkeit spülte. „Verdammte Hacke“, dachte ich. „Daran dachte ich überhaupt nicht!“ Seit Jahren konsumiere ich privat so ökologisch und fair wie möglich Lebensmittel. Ebenso lange kümmere ich mich darum, dass Kleidung unter eben solchen Bedingungen hergestellt werden. Aber Dekoartikel und Interieurprodukte? „Über 60% der Weihnachtsdekoration in Deutschland wird von chinesischen Kinderarbeitern hergestellt!“, stand in diesem Artikel. Ich begann mich auf die Recherche und blätterte mich durch Anbieter von Dekoartikeln. „Scheiße“, dachte ich. Denn was ich sah, hinterfragte ich bis zu diesem Moment nie: händisch bemalte Standfiguren, handwerklich aufwändig geflochtenes Dekozeug, Wegwerfkissenbezüge… Handarbeit, Handarbeit, Handarbeit, wohin ich blickte. Produkte, die für eine kurze Weile das Zuhause verschönern, um zum nächsten Dekotrend sofort entsorgt zu werden. Materialtechnisch eine Sauerei, Wertschätzung gegenüber den herstellenden Händen? Fehl am Platz. Gleichzeitig lieben wir Menschen hier und heute das Basteln und handwerkliche Gestalten. DIY ist ungebrochen. „Warum also bereitest du deine ökologischen Restmaterialien nicht ordentlich auf, gibst Textilingenieursknowhow und Fertigungstechniken für Zuhause mit und setzt dem Mandala-Malen einen Gegentrend?“, fragte ich mich leise.

Am nächsten Morgen schon ging ich zu Lydia, nahm sie mit zu den Schurwollrestbergen und sagte ihr, dass wir die Materialien aufbereiten müssen für Decken. „Das ist Pixelart. Man kann sich sein Kissen, seine Decke, einen Plaid – was auch immer – nähen und sein eigenes Bild daraufzeichnen. Ich hier meinen Totenkopf und …“ Sie unterbrach mich. „Ne, Sonnenschein, ich will keinen Totenkopf. Ich würde für meine Enkelin a Herzchen und Sterne drauf machen!“ „Gut“, sagte ich. „Du Herzen und Sterne. Und andere Kreative wieder etwas anderes.“ Beide waren wir zufrieden. „Dann würde ich vorschlagen, du nimmst das Bandmesser und …“ „Oh, jeminehhh, Sonnenschein. Das machen wir anders. Ich hab in meinem Leben mal die schönste Arbeit gehabt. Das ist viele Jahre her. War eine anstrengende, aber schöne Arbeit. 14 Jahre lang habe ich Dichtungen gefertigt, bis ich 50 Jahre alt war. dann haben sie uns alle gekündigt. Mit 50 wollten sie uns nicht mehr. Das war sehr schade und die Arbeit vermiss ich bis heute.“ „Welche denn?“ „Stanzen, Sonnenschein. Mach mir ein kleines Stanzeisen und dann kriegen wir das wunderbar hin.“

Wass nun kommt, darf man mal wieder keinem Controller erzählen (aber das kenne ich von all meinen Projekten), denn dieser bekäme einen Herzinfarkt. Ich aber rechne anders: wenn wir heute respektvoll mit Ressourcen umgehen, werden unsere Kinder und Enkel eine kleinere Rechnung zu bezahlen haben. Das muss es uns wert sein. Deshalb stanzt meine Lydia mit Leidenschaft seit vier Monaten und der Resteberg ist mittlerweile fast gänzlich verschwunden. Immer wieder komme ich zu ihr und sehe ihr über die Schulter. Es ist eine aufwändige Arbeit. Das exakte Positionieren des Eisens, das saubere Stapeln der kleinen Vierecke, das alles im Stehen und dauernd in Bewegung. „Ach, Sonnenschein, ich hab keine Angst vor der Arbeit. Und wenn ich das bis in Rente machen kann, bin ich sehr glücklich!“

Während des Winters und während Lydia fleissig am Stanzen war, Agnes und Werner im Zuschnitt begannen, verwertbare Reste mir abends mit nach Hause zu geben, Partner in der Lieferkette mir ihre Reste schickten, begann ich, Produkte und Ideen aus eben jenen zu entwickeln. Nächtelang. Was damit passiert, erfahrt ihr in Kürze hier im Blog, denn die Geschichte geht weiter. Und am 28.3. startet es offiziell: mein Zero-Waste-Projekt Nummer 1: Kreativ3kästchen.

Nachtrag:
DerSilberneLöffel  – erledigt und sehr gerne gemacht…

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21 Antworten auf “Vor Arbeit hab‘ ich keine Angst…”

  1. Oh, jetzt bin ich irgendwie ganz gerührt! Mein Herz springt bei so viel liebe für die Arbeit. Da würde ich gerne mitmachen!

  2. Wow! Das wäre auch ein Projekt für mich!!! Ich bin schon ganz gespannt, was für Produkte entstanden sind und welche Ideen umgesetzt werden konnten. Ich versuch auch immer jeden Fitzel Stoff zu verarbeiten. 😉
    LG Verena

  3. Ich würde gern bei Facebook auf Einträge von ihnen reagieren oder antworten. Warum kann ch das nicht. Lg und weiter so. Ich finde es spitze was sie machen

      1. FB beschränkt die Freundesanzahl auf 5.000… dann geht nur noch Abonnieren, kein befreunden… Und dann kann man nur lesen, aber nichts schreiben.

  4. Ganz wunderbar 💜 Dieser Beitrag ist so herzerwärmend und macht Hoffnung bei all dem was sonst so geschieht . Danke für Dein Wirken .

  5. Ich finde das auch so so wichtig Ressourcenschonend mit den Dingen umzugehen. Das ist auch Wertschätzung für das Material. Leider beobachte ich im Hobbybereich das viele das so gar nicht im Auge haben und noch mehr Sondermüll produzieren, billigst Material kaufen welches die Umwelt verschmutzt usw. darauf mache ich auch immer wieder aufmerksam. Auch bei wolle muß man genau hinschauen um nicht aus Qualhaltung zu kaufen usw.
    Finde es ganz klasse das ihr das im Blick habt!

  6. Einfach klasse deine Ideen, dein Engagement.
    Ein Kreativ-Kästchen habe ich schon in einem Katalog [W…….] entdeckt 😉

  7. Das ist im technischen Bereich, gerade bei Elektronik noch viel schlimmer…was dort an aufwendig (für Umwelt und Mensch, nur nicht sichtbar, weil auf einem anderen Kontinent) produzierten Produkten nach kürzester Zeit unnötig entsorgt wird, nur weil sich Reparaturen nicht mehr lohnen und/oder die Produkte von Anfang an so produziert sind, dass sie kurzfristig ausfallen (da kenne ich als Experte zahlreiche Beispiele)…einfach nur traurig…

    Würde auch gerne daran etwas ändern, dazu fehlt mir aber leider jeglicher Einfluss und Macht (Kapital, Netzwerk mit Entscheidungsträgern) und Mittel (fähiges Personal)…

  8. Das ist so eine großartige Idee und ich freu mich schon riesig auf weitere infos über die pixel… Mein Hirn arbeitet dank dir gerade schon an upcyclingideen meiner aufgetragenen oder nicht mehr so geliebten Klamotten und Bettlaken.. 🙂 vielen dank, dass du uns so hinter die Kulissen blicken lässt. Das inspiriert noch mehr als das reine Produkt.. Herzliche Grüße von der Nordsee!

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