Wenn mein Hirn zweimal klingelt…

„Wieso hat die Palette ein X?“, fragte ich meinen Färber. Zusammen mit meinem Weber besuchten wir ihn. „Makulatur“, sagte er. „Das nimmt nurmehr der Lumpensammler für Malermatten!“ Ich sah mir die Palette Gewebe, die frisch aus der Färbemaschine kam, genauer an. Bestimmt 400, 500 Meter lagen fein säuberlich auf Stoß gelegt auf einer Europalette. Augenscheinlich fehlte es dem Stoff an nichts. „Doch, doch“, sagte mein Färber. „Wasserflecken, Standflecken und wir waren noch nicht ganz auf dem gewünschten Farbton. Das nimmt der Kunde einfach nicht ab.“ Ich sah mir den Stoff erneut an und sagte: „Das kann ich nicht glauben. Okay, die paar Flecken muss man halt herausschneiden, etwas mehr Aufwand im Zuschnitt. Der Farbton, nun gut. Dann muss man chargengenau arbeiten, aber das machen wir Textiler doch eh. Du verarschst mich, gell?“, sagte ich ihm. „Nein“, antwortete er. „Nicht alle sind so kulant wie ihr. Im Gegenteil. es gibt heute kaum mehr eine Lieferung ohne Reklamation. Irgendwas finden sie immer!“ „Aber das könnt ihr doch nicht mit euch machen lassen!“ Färber wie Weber sahen mich an. Dann bekam ich es erklärt: „Wir müssen sehr hart kalkulieren, dass wir überhaupt noch den Zuschlag hier in Deutschland bekommen. Kalkulieren wir Makulatur rein, können wir schließen. Also versuchen wir den Schaden zu minimieren, und verkaufen den Ausschuss kiloweise an Recyclingverwerter.“ Wortlos gingen wir weiter durch die Färbehalle und kurze Zeit später verabschiedete ich mich. Ich hatte noch einen Termin bei einem Zutatenproduzenten.

„Was ist das?“, fragte ich neugierig, während ich vor einer großen Tonne mit abgeschnittenen Stoffrollen stand. „Ach“, sagte Stefan, der Geschäftsführer, „das sind die Start- und Endstücke aus der Fertigung. Die haben unterschiedliche Breiten, deshalb gehen sie in den Abfall!“ „Abfall?“, sagte ich. „Ja, Abfall!“, sagte er. Und ging weiter. Kopfschüttelnd folgte ich ihm.

1 Mio Tonnen, in Worten eine Million Tonnen, Textilien gelangen jährlich in die Altkleidersammlung. Das entspricht ungefähr 26 Kilogramm pro Bundesbürger. Allesamt Kleidungstücke und Textilien, die nicht mehr getragen oder, als Schrankleiche, nie gelüftet wurden. Dass hinter dieser Million Tonnen Textilien aber viel mehr stecken, wurde mir an diesem Tag bewußt. Denn: diese Menge an Kleidern muss erst einmal produziert werden. Und da entsteht ebenfalls bereits textiler Rest. Wir Textiler nennen es Spinnverlust (die Fasern, die verloren gehen, während aus dem Rohstoff ein Garn gemacht wird), Webverlust (die Fasern und Garnreste, die während des Herstellungsprozesses verloren gehen oder abgeschnitten werden oder Ware mit Webfehlern), die vielen Reste bei der Zutatenproduktion und, wie gelernt, Makulatur. Jede Menge Makulatur. Anschließend hauen wir Konfektionäre beim Zuschnitt noch eine ordentliche Portion drauf. Ein Lagebild (das Programm für den Zuschnitt) zum Beispiel gilt mit 80% Ausnutzung als „sehr gut“. 20% dafür in die Tonne. Und tschüss. Hallo Malermatte.

In Kürze: Um ein T-Shirt überhaupt in den Laden hängen zu können, geht im Herstellungsprozess mindestens ein weiteres halbes in den Abfall. Der blanke Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass wir weltweit jährlich 120 Mrd Textilien fertigen und man für 1kg Baumwollshirt rund 700 Gramm Chemikalien benötigt, soviel Energie hineinstecken muss wie in eine Tankfüllung eines Fiat Panda geht, 30.000 Liter Wasser verballert und 20 kg CO2 produziert.

Auf der Heimfahrt kreisten meine Gedanken um nichts anderes als Abfallvermeidung. Schließlich ist nichts von dem, was ich heute in einen Entsorgungscontainer wandern sah, Abfall. Mehr noch: es war viel zu gut zu Recyceln. „Wieso sollte man Textilien kleinhäckseln, um eine minderwertige Malermatte daraus zu machen, nur weil sie nicht perfekt ist?“, fragte ich mich. Je mehr ich nachdachte, umso klarer wurde mir auch, dass selbst in meinem eigenen Laden alles bio nichts bringt, wenn wir nicht absolut sorgsam mit den Resten umgehen. Klar, den gesamten Verschnitt bei uns in der Firma sammelten wir bereits und recycelten ihn erneut zu T-Shirt-Garn. Aber warum noch gute Stücke kaputtreissen und neu ausspinnen, wenn da vielleicht….

Meine 20er habe ich damit verbracht, eine Werbeagentur kreativ zu leiten und Auszubildenden Mediendesign und -gestaltung zu lehren. Ich war immer sehr akribisch und forderte die Genauigkeit auch von meinen Mitarbeitern. Auch, wenn sie dachten, ich hörte es nie, kannte ich meinen Spitznamen: „Pixelficker“. Zugegeben: der Spitzname traf den Nagel. Bis heute bin ich großer Fan von Pixelart. Warum ich das erzähle? Weil es die Lösung war. Eine Lösung. Zurückgekehrt von meiner Tour ging ich schnurstracks zu unseren Schurwollabfällen. Ich nahm mir eine ganze Kiste und zog sie zum Bandmesser. Stundenlang schnitt ich tausende Vierecke zu. Nicht weniger viele Stunden verbrachte ich dann an der Nähmaschine. Und dann war sie fertig. Meine Lösung. Kein Recycling. Upcycling. Einfach schön. Meine Totenkopfkuscheldecke a la Zero Waste, Dann nur mach bio auch Sinn.

Voller Stolz rannte ich durch meine Hallen in die kleine Werkstatt, zu Thomas, meinem Freund und Herrenschneidermeister. Als er mich bemerkte, drehte er sich zu mir und gleichzeitig sagten wir: „Ich muss dir was zeigen!“ Dann lachten wir. „Erst du!“, sagte er. „Ne, erst du!“, antwortete ich. Er schüttelte den Kopf grinsend. Ich zog hinter meinem Rücken diese Decke hervor und freute mich über sein Staunen. „Das ist ja geil. Aus Resten!“, sagte er. „Mhm“, bestätigte ich. Dann zog er von der Puppe einen Mantel. „Der ist für dich!“, sagte er. „Oh mein Gott, ist der schön!“, sagte ich. Thomas half mir in den Mantel und ich war hin und weg von der Passform und Verarbeitung. Auf einmal fiel mir auf: „Das ist ja das alte 70er Jahre Bündchen. Diese Rolle, die seit Jahren hier liegt. Und der Stoff war doch ein Rest von der Anzugproduktion. Das war doch nur noch ein Fitzelchen!“ Thomas grinste. „Das ist der Unterschied zwischen dir und mir, Sina. Du bist Industrieller. Wir Handwerker kriegen aus dem kleinsten Stück noch was gefertigt!“

 

Noch während Thomas seinen Satz beendete, machte es bei mir mal wieder „kling“ im Hirn. Oder besser: „Kling, Kling!“ Zwei neue Ideen waren geboren. Zweimal Zero Waste. Zwei Projekte, die besser für Mensch und Umwelt sind. Zweimal klingle ich bei euch im März durch, wenn sie starten. Und die nächsten Tage nehme ich euch hier schon mit auf die Reise, wie es entsteht. Wie damals. Bei manomama.

13 Antworten auf “Wenn mein Hirn zweimal klingelt…”

    1. Den bekommt ihr schon noch zu sehen. Das war richtig lustig, als ich den anzog und Thomas sagte: „Schatz zu dem Look musst du gucken wie ein Modell. Hör auf zu lachen!“ 😀

  1. War das gerade eine Freude, diesen Post zu lesen. Nicht der Anfang, mit den 1.5 T-shirts um eines in den Laden zu bringen. Aber dieses Talent, das Du hast, so einem augenöffnenden Erlebnis schnurstracks eine positive Richtung zu geben, anstatt eine Weile betroffen zu sein, schließlich aber doch wieder alles akzeptierend zum Alltag über zu gehen.
    Danke.

    1. …woh, dass ist so fantastisch, einfach wunderschön, was da gerade entsteht. Ich freue mich sehr über diesen Mut und die Ideen von allen Beteiligten zwischen Handwerk und Industrie. Das wird etwas ganz Großes, da bin ich überzeugt. Ich bin sehr gespannt.

  2. Die Decke würde mir zum Rucksack noch fehlen – aber – mit viel mehr kleinen bunten Resten. (lauter unzählige Pixel).. zum zählen vor dem einschlafen.

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