Human First.

Als der Konzern Siemens vor einigen Wochen ankündigte, mehrere Werke, darunter auch das Turbinenwerk in Görlitz zu schließen, war ich richtiggehend verärgert. Zum einen ist in meinem Bekanntenkreis jemand im Management dort beschäftigt, der mir erzählte, dass die Bücher alles andere als „unrentables“ Business erzählten, zum anderen aber war der Grund, dass ich die Verantwortungslosigkeit, mit der shareholdergetriebene Konzernchefs mittlerweile Kahlschläge zu Lasten der Beschäftigten und zu Gunsten der Aktieninhaber und deren immer unverschämter werdenden Rentabilitätserwartungen durchziehen, abgrundtief verabscheue.

Dann war Joe Kaeser, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender von Siemens, in Davos mit Trump beim dinieren. Dort verriet er dem US-Präsidenten, dass sein Konzern sich stark in den USA engagieren werde. Arbeitsplätze schaffen. Turbinen bauen. Mit diesem Moment wußte ich: „Einst gehörte Siemens zur Familie. Heute zerstört es Familien!“

Aber Siemens ist nicht alleine. Vielmehr kann dieser Konzern als Flagschiff einer immer unwürdigeren Wirtschaftspraxis in Zeiten der Endstation Globalisierung und Neoliberalisierung gesehen werden. Denn: Siemens ist nicht alleine. Dass euch das Thema ebenso wie mich beschäftigt, zeigte mir die Resonanz meines Tweets:

Die Mehrheit empfand und empfindet dieses Geschäftsgebaren, ebenso wie ich, mehr als unanständig. Und dennoch: zahlreiche Stimmen ließen verlauten, dass es der normale Gang der Marktwirtschaft sei, dass es nur logisch wäre, wenn dort Arbeitsplätze geschaffen würden, wo die Produkte gebraucht, dass die Politik Schuld sei. Es sind übrigens genau dieselben Stimmen, die mir vorwarfen, mit meinen Äußerungen keinen Deut besser als Trump zu sein. Zwar konnte ich weder nationalen Protektionismus in meinen Zeilen lesen, noch irgendeinen Boykott, aber nun denn.

Was allen langsam klar werden muss, ist die Tatsache, dass unsere Situation – und es ist völlig egal, ob wir uns in Amerika oder Deutschland befinden – immer schlimmer wird. Das Wirtschaftsgebaren der Konzerne trägt maßgeblich dazu bei, dass wir in dem Land leben, wie wir leben: immer mehr Menschen in existenzieller Angst. Die Zukunft ist kein erstrebenswerter Ort mehr, denn wer weiß schon, ob er morgen noch gebraucht wird? Ob er – trotz gutem Job und Nebentätigkeit – die immer weiter steigenden Lebenshaltungskosten irgendwie noch stemmen kann. Natürlich, geht es nach FAZ-Redakteuren, hätten die Millenials sich einfach mal zu Zeiten, als es noch erschwinglich war eine Immobilie zulegen sollen. Nur, lieber Don Alphonso, man wird erst mit 18 geschäftsfähig und wer gibt einem Abiturienten einen Hauskredit? Machen wir es konkreter.

Görtlitz. Der östlichste Zipfel Deutschlands, nenne ich es. Das braune AfD-Loch, nennen es andere. Nach der Wende wurden über Nacht VEBs geschlossen und tausenden Menschen, ungefragt, ihre Existenz unterm Hintern weggezogen. Gerade aufgerappelt und wieder zuversichtlich geworden, wiederholt sich die Geschichte. Diesmal aber fiel keine Mauer. Diesmal wandern ihre Arbeitsplätze grundlos weiter zu einem, der gerade dabei ist, eine Mauer zu bauen. Die Antwort: Menschen radikalisieren sich und kämpfen für „Germany First“. Kämpfen um die eigene Existenz. Ihren Platz in der Leistungsgesellschaft. Was niemand für möglich hielt, dass eine Partei wie die Afd mittlerweile drittstärkste Kraft in unserem Land ist, war abzusehen. Hätten wir über den Teich geguckt. Dort schrie ebenso ein Rassist und Angstmacher monatelang „Amerika First“ – und wurde prompt Präsident. Es ist also nicht nur Politikverdrossenheit, die Menschen auf eine inhumane und zerstörerische Art protestieren lässt, es ist ebenso das absolut verantwortungslose Handeln der Wirtschaft. Jeder Mensch braucht eine Perspektive, sonst ist Zukunft kein Aufbruch wert. Solange unsere Existenz mit Erwerbstätigkeit verknüpft ist, ist es die verdammte Pflicht von Wirtschaft und Politik, genau diese Perspektive jedem einzelnen zu ermöglichen. Ob Amerika oder Deutschland – Human First.

7 Antworten auf “Human First.”

  1. Es geht heute nur noch um kurzfristige Gewinne und das eigene Ego der Vorstände und nicht mehr um langfristige Strategien.

  2. Es geht heute doch nur noch um kurzfristige Gewinne und die Egos der Vorstände, anstatt um langfristige Visionen. Das lässt sich auch wunderbar daran erkennen, wenn Vorstände, die eine Firma vor die Wand gefahren haben, mit dem „goldenen Handschlag“ verabschiedet, anstatt verklagt zu werden.

  3. Nur eine kleine Anmerkung bei sonst vollständiger Zustimmung: So ganz ungefragt sind die Menschen in Görlitz seinerzeit ja nicht im westlichen Raubtier-Kapitalismus gelandet. Im Gegenteil haben der im Osten durch Abstimmung entschiedene Beitritt und das Wahlverhalten Ost uns im Westen (wo er keine Mehrheit mehr hatte) seinerzeit weitere 8 Jahre Kohl beschert.

  4. Am 23.November 2017 wurde ich zu einem Zielgespräch für 2018 eingeladen. Zu meinen Zielen kam ich nicht mehr, mir wurde zwar guter Umsatz und beste Kundenbeziehungen bestätigt, aber ich würde einfach nicht mehr zum Unternehmen passen. Raus ohne Chance. Kunden egal, da sollen sich andere halt anstrengen. Die Zukunft geht sowieso online, da brauchen wir keine Oldies mit 53.
    34 Jahre wirklich erfolgreiche beruflicher Werdegang einfach ausgelöscht. Ich bin so glücklich das wir keine Kinder bekommen konnten, ich würde mich für diese Welt nur noch schämen. Manchmal fällt mir das Lachen ja das optimistisch sein schwer.
    Sei Du die Veränderung die Du Dir in der Welt wünscht. Ja!!!

  5. Vielen Dank für diesen guten und punktgenauen Beitrag. Ja, Siemens und andere sollte verpflichtet werden, die erhaltenen Subventionen entsprechend ihrer dreisten Verantwortlosigkeit zurückzuzahlen. Unsere Schulen sind derart marode, Krankensystem nur auf ihrern Profit bedacht, ohne das Wohl der Patienten zu achten, das Pflegesystem ist quasi nicht vorhanden für unsere Eltern, Menschen stehen auf der Strasse trotz guter Qualifikation, viele Menschen sind chancenlos aussortiert. Was braucht es noch? Ja, wir sollten alle gemeinsam einstehen für eine bessere Gesellschaft!

  6. Speziell in Bezug auf Siemens: Da haben Sie sicherleich eine Punktlandung hingelegt, man erinnere sich nur an die Beerdigung der Telephonsparte.
    Hunderte von hochqualiifizierten Nachrichtentechnikern wurden gefeuert und gleichzeitig heulte man Krokodilstränen, „wir kriegen ja GAR KEINE qualifizierten Mitarbeiter mehr“. Da wird einem schon schlecht.

    Aber ein großer Teil ist „hausgemacht“ von der Arbeitnehmerschaft.
    Schon nach dem Studium wollen die jungen Leute zu Siemens, zu IBM und maximal noch zu Bosch. Die vielen, vielen ‚hidden Champions‘ (in unserer Kundschaft habe ich ab und zu einen Einblick) bekommen *wirklich* keine Leute — oder aber die Gehaltsansprüche sind völlig überzogen.
    Wie soll ich jemandem erklären, der Tag für Tag eine verantwortungsvolle und qualifizierte Tätigkeit an einem NC-Bearbeitungszentrum ausführt, daß der Jungingenieur mit Flaum auf der Oberlippe „mal eben so“ das Dreifache verdient ?

    Alle reden vom Fachkräftemangel — aber viele Mitarbeiter kleben an ihrem Arbeitsplatz wie Pattex. Ist es nicht auch eine Frage des Anstandes und der persönlichen Hygiene, den Siemens-Leuten die Schlüssel auf den Tisch zu werfen und zu sagen, „ich gehe woanders hin, wo man meine Arbeit schätzt“ ?

    1. Das setzt allerdings voraus, dass ein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung steht. Für den man eventuell noch umziehen und das mühsam aufgebaute Leben zurücklassen müsste. Für die meisten also nicht so einfach, es sei denn man lebt in einer größeren Stadt oder hat einen Beruf, der in vielen Betrieben gefragt ist. Ansonsten teile ich Ihre Ansicht – bei der Wahl des Arbeitsplatzes sollten nicht nur die Kohle und das vermeintliche Prestige eine Rolle spielen.

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