Restlos glücklich.

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Ich kann mich gut erinnern: die Rolle mit den paar Metern Bündchenstoff bekam ich einst von einem „Kollegen“, der nach 30 Jahren im Schwäbischen seine Näherei aufgab. Die Ware hingegen muss eher aus der Anfangszeit seiner Firma stammen, aber bei guter Lagerung passiert da nichts. Die Zuschnittreste des braunen Oberstoffs war übrig von den Anzügen, die wir vor Weihnachten fertigten. Wäre Thomas nicht dagewesen, hätte ich sie in unsere Verwertungscontainer geschmissen. Thomas aber, zur absoluten Sparsamkeit erzogen, wie es im Handwerk üblich ist, faltete das noch so kleinste Fitzelchen und legte es zurück in den Materialschrank.

„Jetzt guck mal streng, neutral, das muss inszeniert werden, Schatz“, sagte er zu mir, während er das Handy vor mir zückte. Ich hingegen war kaum in der Lage. Viel zu sehr freute ich mich über diesen wunderbaren Mantel, geschneidert aus Resten und Altem. Trotzdem riss ich mich zusammen. Zum einen, weil ich ihm den Gefallen tun wollte, sein gewünschtes Bild zu bekommen, zum anderen, weil ich endlich wissen wollte, wie der Mantel an mir aussah und ich schmerzlich feststellen musste, dass meine gesamte Näherei keinen Spiegel hat. „Geht doch“, nickte er zufrieden, tat einen Schritt auf mich zu, drehte das Smartphone und zeigte mir zufrieden sein Werk.

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Von dem, was ich trug, war ich schon begeistert, weil es schlichtweg unglaublich bequem war. Was ich hingegen sah, hat mich absolut überzeugt: ein fast schon viktorianischer Kragen mit sportivem Touch, kombiniert zu einem knielangen Mantelkorpus mit Vorder- und Rückschlitz. Schlichtweg: ein völlig verrücktes Teil. „Das ist absolut einzigartig“, sagte ich Thomas. „Naja“, grinste er. „Mit viel Glück kriege ich noch einen raus. Dann ist aber alles verbraucht!“ „Genau das ist Sinn und Zweck der Sache“, schmunzelte ich.

Wir nähten einen zweiten. Vielmehr: Thomas fertigte das gute Stück. Ich blickte ihm nur über die Schulter. Beobachtete viel, dachte viel nach und je länger er werkelte, umso mehr wurde mir klar: Es ist absolut unmöglich, Reste, Vintage-Stoffmeter, Makulatur – sprich, alles, was sonst in den Abfall gelangt in der Industrie, zu Kleidungsstücken zu verarbeiten. Zumindest zu Kleidungsstücken, die auch nur annähernd erschwinglich wären. Gedanklich ging ich die Wertschöpfung durch: „Erst sitzt du vor diesem Stoffverhau und überlegst dir, wozu das Zeug überhaupt brauchbar ist. Dann hast du eine Idee und verbrätst die Hälfte des Materials schon für Tests und Waschproben. Aus dem Rest schneidest du dann in zwei, drei Stunden ein Teil zu, für welches du extra den Schnitt, adaptiert auf dem Material gemacht hast. Dann musst du alles vollkommen handwerklich verarbeiten, weil sich die industrielle Fertigung bei den Stückzahlen überhaupt nicht realisieren lässt. Und am Ende hast du 30 Stunden Arbeitszeit für einen Mantel. Unmöglich. Haken dran, Sina.

Wer mich kennt, weiß, dass ich vieles kann. Und eines nicht: aufgeben. Der Haken war am nächsten Tag schon vergessen. Ich begann, zu kalkulieren, ab welcher Stückzahl Fertigungsprozesse erschwinglich würden. Stundenlang telefonierte ich mit den Partnern in meiner Lieferkette, wie wir Abfälle und Reste, Makulatur und übrige Rohstoffe sinnvoll strukturieren und finanziell vergüten könnten. Nächtelang diskutierten Thomas und ich, wie wir die Einzelanfertigung reproduzierbar bekommen könnten. Und dann, auf einmal, war sie da – die Lösung. Erste Testläufe gingen. Zweite auch.

„Wie geil!“, sagte ich zu Thomas. „Jetzt können wir jedem so einen unglaublich bequemen Mantel bieten. Und nachhaltiger geht nicht. Geht einfach nicht.“ „Moment: Der passt dir so gut, weil er auf deine Figur geschnitten ist“, erklärte Thomas. „Wieso, du hattest doch gar nicht meine Maße!“, entgegnete ich. „Nicht Maß – Figur. Schau, es gibt bei Männern die klassische Figur, vergleichbar mit einem „H“, dann die richtig sportlichen mit etwas breiteren Schenkeln und breitem Kreuz und schmalen Hüften, eine „V“ und dann die schlacksigen Großen. Wir nennen sie „T“.“ „Und bei Frauen?“ „Ich würde sagen, du bist eine „X“: ähnliche breite Schultern wie Hüften, dazu Taille. Einer sehr weiblichen Figur, sprich schmale Schultern, starke Taille und sehr starke Hüften, würde der Mantel überhaupt nicht passen. Und einer „Y“-Figur auch nicht.“

„Hab ich verstanden, Thomas! Wir müssen dringend auf Figur schneidern“, sagte ich. „Same seam but different!“ „Same seam but different!“, grinste er.

In wenigen Wochen startet unser neues, nachhaltiges Modeprojekt. Da die Ressourcen jedoch begrenzt sind und wir nicht über den Preis Exklusivität schaffen möchten, haben wir uns etwas anderes ausgedacht: wir nutzen eure Postleitzahl. Pro PLZ gibt es einen Platz – und anschießend eine Warteliste. Also sichert euch euren Platz und seid von Anfang mit dabei bei http://www.sameseam.de

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20 Antworten auf “Restlos glücklich.”

  1. hallo, ich bin gabriele, die in augsburg geboren ist und in 86424 dinkelscherben wohnt.

    deine Ideen liebe sina, wenn ich so frech du sagen darf 🎈finde ich genial.

    ich liebe nachhaltigkeit und werde dein projekt bewerben.

    ganz viel glück 🍀

    herzliche grüsse gabriele

  2. Liebe Sina, die Idee ist toll und wäre perfekt, wenn auch die Körpergröße berücksichtigt wird. Der Mantel, der der X- Figur von 1,60m Körpergröße perfekt passt, passt der X-Figur von 1,80m Körpergröße leider nicht und umgekehrt. Da zahle ich gern mehr – ist ja auch mehr Stoff nötig. 😉

    1. Du darfst uns vertrauen, dass wir das sehr gut ausbalanciert haben. Ganz korrekt ist das nämlich nicht, denn eine 1,80 große Person (unabhängig von der Figur) trägt per se eine größere Konfektionsgröße als eine 1,60 große. Was bei 1,60 ist „36“ ist, ist bei 1,80 eine „40“. Beide sehen schlank aus. Hier liegt es an der Gradierung. Auch in der Länge. Lass dich überraschen.

      1. Ich lasse mich gerne überraschen! Die Standard-DamenKonfektionsgrößen beziehen sich ja auf 1,68m große Frauen. Eine Frau mit Taille 70 und Hüfte 100 sieht schlanker aus, wenn sie 1,85m ist als eine Frau mit gleichen Maßen, aber nur 1,55m. Klar.
        Ich kann ein Lied singen von zu kurzen Ärmeln, zu hohen Brustpunkten, zu geringer Sitzhöhe und zu kurzen Hosenbeinen. Was machen nur die vielen jungen Frauen, die merklich größer als 1,80m sind? Es werden immer mehr Große und die Firmen, die lange Größen UND nachhaltig und fair produzieren, sucht man wie die Nadel im Heuhaufen. Um so mehr freue ich mich, wenn ihr mit eurer grandiosen zero-waste-Idee auch die „Langen“ bedenkt!

      2. Wir sind erstmal von neueren Daten ausgegangen. Die Standard Müller-und-Sohn-1,68-Frau ist meines Erachtens überholt. Wir haben aus 1000 Kundinnen bei manomama nachgefragt: Körpergröße und Statur. Interessanterweise sind gerade sehr kurvige Frauen eher kleiner, die X typische 1,70 und die Y-Damen deutlich größer (1,75 im Mittel). Das war unsere Basis. dann darfst du aber eben nicht vergessen, dass es Längen (nehmen wir den Mantel, ein gutes Beispiel), an jeder Statur gleich gut aussieht. Für T-Männer sieht ein knielanger Mantel schlichtweg bescheuert aus, das ist keine Länge für einen Mann mit 1,94 Größe. Bei einem H-Mann mit 1,80 hingegen eine wunderbare Länge. Es gehört schlichtweg viel Gespür und Erfahrung dazu. Die, da bin ich mir sicher, bringen wir mit Thomas absolut ins Spiel.

  3. Ui! Also erstmal: Kompliment an Thomas. Der Mantel sieht wirklich toll aus – warm, bequem, und mit Pfiff. Toll, dass daraus auch die Idee kam, auf die Figurtypen einzugehen! Denn normalerweise bin ich es gewohnt, dass ich alles, was richtig gut aussehen soll, selbst nähen muss (A-Figur und über 1,80) 😉

    Alles in Richtung Resteverwertung und Minimal Waste ist der absolut richtige Schritt. Ob man in der industriellen Fertigung jemals bei Zero Waste ankommen wird? Dass können nur Projekte wie Deine und die von anderen verantwortungsvollen Produzenten zeigen ❤

    Danke!

      1. Hab da aber auch schon witzige Sachen gesehen. Ich beschäftige mich grad mit Patchwork. 🙂

      2. Liebe Sina, wollte brichbag gerade auf FB teilen aber es teil kein Bild mit… ich weiß aber das man das im Hintergrund einstellen kann, wollte bescheid geben… bei Worpress kann ich auch nur den Link teilen.

  4. Liebe Sina

    Ich finde deine verschiedenen Engagements einfach grossartig!!!

    In meiner Ausbildung (1989) wurden grosse Stücke Stoff einfach weggeschmissen. Als ich es zu Hause ebenso gemacht habe, hat meine Mutter alle Resten wieder hervorgeholt und mir gesagt, dass sie als junge Frau sehr dankbar gewesen wäre um solchen Stoff. Ich dachte, ach ja mach einmal. Zum Glück habe ich aber meine Ansicht geändert und weisst du was, ich bin noch „schlimmer“ als sie ;-). Auch in den Nähkursen, die ich gebe zeige ich den Frauen immer wieder, was aus Stoffresten oder gebrauchten Kleidern immer wieder genäht werden kann.

    Hast du die „nachhaltige“ Kleiderlinie von C&A auch gesehen? Die getrauen sich tatsächlich Damenjeans für 25.– Fr anzubieten und sie als nachhaltig zu bezeichnen?!

    Herzliche Grüsse
    Verena (www.fraufadegrad.ch)

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