Chancenbegleiter statt Fallmanager!

Ich habe ein Rendezvous mit einem weißen Blatt Papier. Wenn wir beide fertig sind, werden darauf Zwölf Namen stehen. Zwölf von 120 Langzeiterwerbslosen in Augsburg. Zwölf Menschen, die mit mir und ich mit ihnen in die Zukunft gehen möchten. Menschen, die es trotz oder gerade nach langer Erwerbslosigkeit noch einmal versuchen möchten. Zwölf Persönlichkeiten, die mich die vergangenen Tage still werden ließen. Zum Nachdenken brachten. Mir Tränen verursachten und ein tiefes Schamgefühl. Und mich eines lehrten: wir brauchen Chancenbegleiter, keine Fallmanager!

Vor wenigen Wochen schrieb ich euch an dieser Stelle über den Beginn meines neuen Langzweiterwebslosenprojekts. Voller Enthusiasmus startete ich – und flog am ersten Tag bereits sauber auf die Schnauze. (Hier gehts zum Blogbericht) Dennoch habe ich weitergemacht. Schritt für Schritt. Wie geplant. Nach den zwei Informationsvormittagen im Jobcenter lud ich Interessierte ein, meine Näherei einfach mal unverbindlich zu besuchen. Knapp 30 Menschen folgten dieser Einladung, zumindest kreuzten sie ihren Namen auf der Besucherliste an, die an beiden Tagen im Jobcenter herumging. Um ehrlich zu sein: es ging einiges schief in der staatlichen Institution, sodass ich nicht mit dem Erscheinen all jener rechnete, die ihren Namen auf der Liste abhakten. Vielmehr rechnete ich das augenscheinlich große Interesse der Angst vor Sanktionen an. Letzten Dienstag um 14 Uhr öffnete ich meine Tür: wie erwartet, keine 30 Leute. Es waren 45 Menschen. Weitaus mehr, als erwartet. Ich war völlig überwältigt und sah einen Meilenstein gesetzt: „Die zwanzig Menschen für mein neues Projekt bekomme ich zusammen!“, dachte ich zufrieden. Am Ende ließ ich erneut eine Liste herumgehen und bat alle, die sich auch nach der Führung durch unsere Hallen vorstellen konnten, bei manomama zu arbeiten, mir ihre Telefonnummer zu hinterlassen. Jedem einzelnen versprach ich, anschließend ein individuelles Gespräch anzubieten.

Nichts tun, nur zuhören

Während meine Kollegin Andrea zwei Tage lang die 28 Menschen, die den nächsten Schritt weitergehen mochten, terminierte, kümmerte ich mich um meine alltäglichen Aufgaben. Abends stand die Buchpremiere meines neuen Buchs an. Als ich anschließend hinausging, sprach mich eine mir fremde Dame an. „Ey Sina, ich arbeite, wo die vier Damen in der Maßnahme sind, und ich will wissen, was du mit ihnen gemacht hast?“ „Bitte?“, fragte ich. Sie sagte: „Naja, ich schicke öfter meine Kundinnen auf Praktika, aber noch nie kamen sie von einer Firma und sagten: Sie wollen da arbeiten, egal, was sie dafür tun müssen!“ Wir lachten. Ich erklärte ihr, dass ich nichts tat, außer ihnen zuzuhören. Echtes Interesse schenken. Aufrichtige Aufmerksamkeit. Den Rest erledigten Monika und Hannelore: meine Ladies, die seit vielen Jahren bei mir sind. Sie führten die Interessierten durch die Arbeitsräume und erzählten, standen Rede und Antwort. „Ich finds immer besser, wenn die Kollegen das machen“, antwortete ich.

Alles wie damals, nur völlig anders

„Sina, Montag und Dienstag sind komplett – alle zwanzig Minuten ein Gespräch, ja?“, sagte Andrea zu mir und übergab mir eine säuberlich aufbereitete Liste mit Namen und Telefonnummer. „Super, danke“, antwortete ich. „So habe ich das die letzten Male auch gemacht. Ist zwar eine gute Weile her, aber was soll sich schon groß ändern?“, ergänzte ich. Dann kam der Montag. Und mit ihm änderte sich alles. Alles, was ich in zehn Jahren intensiver Integrationsarbeit von Erwerbslosen gelehrt bekommen habe. Alle Menschen waren überpünktlich, sauber gekleidet, freundlich und aufgeschlossen. Ich hingegen war am Tag Zwei der Gespräche bereits etwas zu spät, bin in meine alten Jeans gehüpft, und mein Gemüt war zunehmend bedrückt, zuweilen wütend. Eine Tatsache nämlich hat sich grundlegend geändert: wir haben 2019. Wir haben Vollbeschäftigung. Menschen, die heute ohne Erwerbstätigkeit sind, haben andere Geschichten als meine Ladies vor knapp zehn Jahren.

Was ich in 14 Stunden zu hören bekam, konnte ich nach der Hälfte der Zeit bereits nicht mehr ertragen: von obdachlosen Müttern mit Kindern, die verzweifelt eine Wohnung suchten, aber „ohne Wohnung erhalte ich keine Arbeit und mit Kindern bekomme ich nichts zu arbeiten“. Von Menschen mittleren Alters, die aufgrund eines Sprachfehlers zu Schulzeiten auf die Förderschule gegeben wurden, „und so wurde mir in jungen Jahren mein Leben verbaut. Seitdem habe ich den Anschluss verloren!“. Wegen eines Sprachfehlers! Mir liefen die Tränen, als ich erfuhr, dass es Menschen gibt, die in ihrer Kindheit von der eigenen Mutter in die Zwangsprostitution verkauft wurden, ich brach zusammen, als ein alleinerziehender Vater mich bat, in Teilzeit eine Lehrstelle für ihn anzubieten, da er sich allein um seinen Sprössling kümmere. Die Mutter? Die Mutter wurde verurteilt, weil sie ihr Kind, ihren gemeinsamen Sohn, verhungern ließ.

Ich brauchte Abstand. Pause. All diese Lebensgeschichten zeigten die Verbrechen unserer Gesellschaft an einzelnen Menschen. Es war unerträglich für mich. Gleichzeitig habe ich gelernt, mit Kräften zu haushalten. „Zwanzig Menschen mit einer solchen Vita parallel zu integrieren ist unmöglich“, dachte ich mir. „Ich werde dieser Aufgabe nicht gerecht“. So fing ich an, die zehn Menschen herauszusuchen, die es in meinen Augen am schwierigsten haben werden. Sie stehen nun auf meiner Liste. Zudem eine Ausbildung in Teilzeit und eine Praktikantin, die auf eigenen Wunsch „erstmal nicht fest angestellt werden möchte, sondern ausprobieren“.

Die junge, wohnungslose Mutter ging mir nicht aus dem Kopf. Sie erzählte mir, dass sie sogar den besten Abschluss in ihrer Ausbildung hingelegt hatte. Gärtnerin im Gemüsebau. Aber, sie würde auch gerne nähen lernen. „Einen Einser-Abschluss im Traumjob und dann keine Chance bekommen“, dachte ich mir. Das wollte ich verdammte hacke nochmal nicht akzeptieren. Ich griff zum Telefonhörer und nach ein paar Gesprächen erhielt ich folgende SMS:

In wenigen Tagen wird für die junge Mama der Tag sein. Vor einigen Minuten habe ich mit ihr telefoniert. Sie wird das rocken, versprach sie. Ich hingegen weiß es. Sie wird es schaffen. Und schaffen kann es jeder Mensch in unserer Gesellschaft, wenn er einen Chancenbegleiter bekommt. Keinen Fallmanager. Übrigens: Jeder von uns kann Chancenbegleiter sein. Legt los! ❤

5 Antworten auf “Chancenbegleiter statt Fallmanager!”

  1. Na das ist ja ein traumhafter Post. Ich sowas noch nie zu lesen bekommen. Bravo und Gratulation. Ich freu mich mit Ihnen und Ihren neuen Mitarbeiterinnen. Möge Ihnen Allen viel Segen zukommen! Herzlich die Gärtnerin mit dem grünen Daumen, die in ihrem früheren Leben Sonderschullehrerin war.

  2. Herzlich alles Gute, viel Kraft und Mut! Ich bin ein beeindruckt von Ihrer Zivilcourage, Ihren Unternehmen, Ihrer Einstellung, Ihrer Menschenliebe, Ihren Büchern und Blogs! Toll!
    Solch soziale Unternehmerinnen sind vorbildlich und wegweisend!
    Ich habe den Film „Fairtraders“ gesehen und war begeistert!
    Herzliche Grüsse aus der Schweiz und bis bald- komme extra wegen Manomama über Auffahrt nach Augsburg:-))
    Barbara

  3. Sehr geehrte Frau Trinkwalder,

    herzlichen Dank für diesen bemerkenswerten Beitrag und ihren Einsatz. Vor kurzem habe ich – auch gespeist durch eigenes Erleben, von meinem Bruder und seiner Freundin – eine Anregung für den Zukunftsdialog des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales im Hinblick auf die soziale Ausgestaltung von ALG-2 zusammengestellt. Neben einem Dank für die Unterstützung habe die Gedanken geäußert, in Briefen sich eher einmal an der Alltagssprache zu orientieren, einen Treffpunkt mit Internetzugängen, Druckern und Zeitungen für die Stellensuche anzubieten, sowie mögliche Entscheidungskorridore für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jobcenter zu öffnen, um den vielfältigen Lebensgeschichten mehr Aufmerksamkeit und Raum schenken zu können. Wie ich einer freundlichen Rückmeldung von einer Mitarbeiterin des Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales dann erfahren habe, wurden diese Hinweise auch an die Obleute der Parteien im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales weitergereicht. Aufgrund dieser guten Erfahrung habe ich heute in einer kurzen E-Mail auch einmal kurz auf ihren Beitrag hingewiesen, im CC: habe ich die E-Mails der Bundestagsbüros von Herr Dr. Bartke (den Vorsitzenden des Ausschusses) und Herr Bundesminister Heil beigefügt, sowie des Send e.V. in Berlin und Frau Groll bei ZEIT ONLINE, die zu sozialen Fragen berichtet. Sollten sie eventuell den Beitrag im Enorm-Magazin mit dem Titel „Deutschlands bester Arbeitsvermittler“ noch nicht kennen, nur ein kurzer Hinweis darauf, da er gut zu ihrer Überschrift „Chancenbegleiter statt Fallmanager!“ passt (Link: https://enorm-magazin.de/deutschlands-bester-arbeitsvermittler). Herr Nitsch ist übrigens mittlerweile als Leiter der Arbeitsagentur im bayerischen Schwandorf tätig.

    Mit freundlichem Gruß,

    Johannes Eckert

  4. Eigentlich ist es zutiefst nutzlos, hier auch nochmal meine Glückwünsche zu hinterlassen.
    Du bist ein Glücksfall für unsere Gesellschaft.

    Viele Arbeiten sind ungeheuer kompliziert geworden, was viele abschreckt. Wer will schon, eventuell erneut, versagen?

    Wenn wir den bekannten Satz von Wittgenstein, „Die Grenze meiner Sprache bestimmt die Grenze meines Denkens“, einmal als Axiom betrachten:
    Viele fähigen und belastbaren Menschen scheitern nicht an der Tätigkeit an sich, sondern an dem komplizierten Klapperatismus drumherum.
    Ein Top-Dreher aus Jugoslawien beispielsweise hat als hervorragende Fachkraft hier kaum Chancen, weil er hier erstmal PCs bedienen können muß. So bekommt den Job typischerweise ein mittelmäßiger Mausschubser, der von Zerspanungstechnik keinen blassen Schimmer hat.

    Dadurch, daß Du deinen Laden als Manufaktur aufgebaut hast, bietest Du quasi „postdigitale“ Arbeitsplätze an. Ich würde mir wünschen, daß andere Branchen nachziehen könnten.

    Früher war es eine Floskel, aber laß‘ mich in Deinem Fall eine etwas ältere Formulierung vom Dachboden holen, ganz einfach, weil sie paßt:

    Mit vorzüglicher Hochachtung!

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