Aller schlechten Dinge sind drei

Heute auf Twitter fing ich mir wieder einmal einen soliden Shitstorm ein. Das kommt äußerst selten vor. Eigentlich nur dreimal bisher. Für zehn Jahre Twitter an sich eine akzeptable Quote. Interessant jedoch, dass es stets dasselbe Thema ist, wofür ich mir einen Nagel in den digitalen Fuß trete: Nazis. Diese Rechten. Rassisten. Afd. Aller guten Dinge sind drei, sagt man. Und aller schlechten, ebenso. Deshalb ziehe ich Konsequenzen.

Vor ungefähr zwei Jahren begann ich, mich neben meinem gesellschaftlichen Engagement auch politisch zu engagieren. Nie in einer Partei, aber klar, durchaus für eine Richtung. Für jene Richtung, die ich wie immer mehr Menschen für eine zukunftsfähige halten. Für eine Richtung, die offene Grenzen sowie eine offene Gesellschaft groß schreibt und die Ökologie und den damit verbundenen Schutz unseres Lebensraums priorisiert. Neben meiner täglichen Arbeit und meinem ehrenamtlichen Engagement gehört für mich auch dazu, gesellschaftspolitisch aktiv Stellung zu beziehen. Auch in den sozialen Netzwerken.

Aktiv engagiere ich mich gegen den dauernden Rechtsruck und die Entmoralisierung unserer Gesellschaft. Vehement stelle ich mich gegen rassistische Strömungen und menschenverachtende Aktionen. Auch auf Twitter, Facebook & Co. Als ich verstärkt begann, mich klar und deutlich gegen die Rechtsradikalen abzugrenzen, fing ich mir den ersten Shitstorm ein. „Du kannst sie doch nicht beschimpfen!“, hieß es. „Man darf sie doch nicht ausgrenzen. Du weißt doch, wie es ist, ausgegrenzt zu werden. Du musst auf sie zugehen, mit ihnen reden!“, lauteten die Stimmen weiter. Die freundlichen.

Gut, dachte ich mir. Vielleicht bist du mit der konsequent ablehnenden Haltung schlichtweg auf dem Holzweg. Aus meinem verinnerlichten Hashtag #noafd wurde #mitnazisreden. Gelegenheiten hatte und habe ich offline genug. Schließlich komme ich viel herum und verbringe darüber hinaus einen nicht unerheblichen Bereich meiner privaten Zeit in Gegenden, die nicht unbedingt für das bunte Deutschland stehen. Am Leipziger Bahnhof traf ich vor ungefähr einem Jahr, oder neun Monaten, einen „Bilderbuch“-Nazi. Einen, der das eiserne Kreuz um den Hals, weitere Kreuze mit Haken auf dem Arm (keine griechischen Mäander, nein!) und „Szene-Shirt“ bekleidet neben mir stand. Uns verband das gemeinsame Warten auf den Anschlusszug. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprach ihn an. Reden, nicht zur Rede stellen. Wir sprachen lange, der Zug kam, wir stiegen in getrennte Waggons und in Nürnberg, kurz bevor er ausstieg, kam er sogar noch einmal zu mir. Auch diese Begegnung twitterte ich. Um ehrlich zu sein: in der Hoffnung, zu inspirieren, dass man reden müsse miteinander. Gemeinsam. So, wie die unzählig klugen Menschen in den sozialen Netzen empfohlen haben. Was aber war die Reaktion auf diesen Tweet? „Was? Du blöde Kuh – mit Nazis redet man nicht!“. Wieder falsch, dachte ich, und fragte nach. „Was hättet ihr getan, denn vehement gegen sie zu sein ist nichts, mit ihnen zu reden, mögt ihr nicht. Was denn dann?“ Einhellige Meinung: „Du musst deine Ablehnung kundtun. Aber so, dass sie dich verstehen. Ihre Sprache sprechen!“

Heute ist Weltflüchtlingstag. Für die einen, darunter zähle ich mich ebenso, ein sehr Trauriger, denn nie waren mehr Menschen auf der Flucht. Nie brauchten mehr Menschen die Hilfe von uns „stärkeren“ oder „sicheren“. Für die anderen, genau jene anderen, die aus Europa eine Festung und aus einer offenen eine geschlossene Gesellschaft machen möchten, ein Tag wie jeder andere. Ich las morgens einige Zeit in meiner Timeline und war schockiert ob der kalten Tweets mancher User. Zusammen mit dem kürzlich geschehenen Mord am Regierungspräsidenten Walter Lübcke durch einen Täter mit mittlerweile nachgewiesenen Beziehungen ins rechtsextreme Milieu, den erneuten Morddrohungen gegen Politiker durch Nazis griff ich, wie oft, zum Handy und twitterte. Bedacht und wohl überlegt. Abgrenzen, in ihrer Sprache, war die Empfehlung. Könnt ihr haben, dachte ich. Dreimal dürft ihr raten? Der dritte Shitstorm. Wie kann man nur Nazis in ihrer eigenen Sprache, mit ihren eigenen Analogien ansprechen. Die Rechtsradikalen und Nazis selbst waren die lautesten, aber getroffene Hunde bellen bekanntlich laut.

Klare Kante zeigen, ist nichts auf Twitter, mit ihnen reden, wird ebenso mißbilligt. In ihrer Sprache sie ausgrenzen – ebenso verpöhnt. Für engagierte Leute entwickelte sich Twitter zum Erbebengebiet. Nur, dass die Engagierten versuchen, ihr Tablett mit Porzellan irgendwie gut durchs Terrain zu bekommen, während überall aus allen Ecken und Richtungen Getrampel kommt.

Was meine Konsequenz ist? Eine ganz Einfache. Wenn nichts recht ist, was man macht, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Die erste: nichts mehr machen. Das ist nicht mein Naturell. Auch weiterhin möchte ich mich politisch engagieren. Die zweite Möglichkeit: nicht mehr darüber reden. Das genau werde ich tun. Ich informiere euch gerne auf diesem Kanal weiter über das gesellschaftliche Engagement meiner Begleiter und mir innerhalb unserer Projekte. Was jedoch den politischen Kampf gegen die Verrohung durch Rechts betrifft, halte ich es in den sozialen Netzwerken künftig mit Karl Valentin. Dieser sagte: „Des ignoriert mer ned amoi.“

7 Antworten auf “Aller schlechten Dinge sind drei”

  1. …verständlich, aber schad drum. Unsereins Unbekannter erreicht mit Meinung halt nur Wenige.

    Alles Gute & besten Gruß,
    RS

  2. Liebe SIna,

    ich denke, dass Du einfach eine falsche Erwartungshaltung hast: Du suchst Zustimmung für deine Haltung. Das ist verständlich und normal aber es wird immer viele Menschen geben, die dir nicht zustimmen werden, während es andere doch tun aber es nicht kundtun.

    Ich schlage vor, dass Du einen anderen Ansatzpunkt wählst und dich einfach nur fragst, ob die Kritik vielleicht berechtigt ist, um deine Haltung zu überprüfen. Dazu muss die Kritik natürlich sowohl inhaltlich als auch der Form nach in Ordnung gehen („Was? Du blöde Kuh – mit Nazis redet man nicht!“ erfüllt keines der Kriterien).

    Alles Gute
    Oliver

    1. Lieber Oliver, ich habe keine Erwartungshaltung. Nie gehabt. Ich versuche Verschiedenes, um Etwas zu bewirken. Irgendwann muss man erkennen, dass man an einem Punkt angelangt ist, an dem man nicht weiterkommt, weiterweiß oder schlichtweg nicht der Mensch ist, dem es gegeben ist, Wirkung zu erzielen. Lg Sina

      1. Liebe Sina

        Du bist ein Idealist 👍
        Du magst das Wort Erwartungshaltung nicht
        Vielleicht hast du was zu schnell gehofft?
        Gib nicht auf, Probier es einfach anders

        Hast du schon mal ne offene (Um-)Frage eingestellt?

        Vielleicht ist nicht reden wirklich ein guter Ansatz wobei ich damit nicht meine nichts tun..,

        Und schau da sind wir dann wieder bei dir: was hilft denn mehr als persönlich eine andere Lebensentscheidung zu treffen?! Du LEBST doch deine Werte und bist für dein Umfeld Inspiration und das wirkt leise aber ganz groß gegen rechts.

        Ich hoffe du verstehst mich 🤔😁
        Sehr abstrakt…
        ungefähr so:
        Wenn du jmd Arbeit gibst der sonst vielleicht zu viel mit falschen Leuten abhängt dann rettest du jmd dass er gar ned erst auf blöde Gedanken kommt
        Wenn du mit geilen Ideen und Produkten die Welt zu einem besseren Ort machst dann gibst du Kraft und wirklich was positives was Hoffnung schenkt – in diese Welt /an Menschen und das fehlt rechten allen

        Ganz liebe Grüße Ursel

  3. Moin Sina. Schätze, dau wirst oft mit der Faust in der Tasche rumlaufen. Hoffe, dass du dein Verhalten durchhalten kannst.
    Lieben Gruß

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