Amore italiano: echte Jeansliebe

„Du weißt, ich würde alles für dich machen“, sagte Bernd, mein Weber aus NRW, zu mir. Und die vergangenen Jahre haben wir unglaublich viel erreicht: in seiner vollstufigen Spinner- und Weberei produzieren wir Garne und Gewebe für unsere Einkaufstaschen und für unsere Bekleidung. Er kramte sein altes Wissen aus, um für uns 2013 den ersten Denim seit langem wieder zu weben. Für meine verrückten Ideen „versaute“ er sich sogar seine Spinnerei mit bunten Recyclingfasern und er spinnt seitdem meine farbigen Recyclinggarne aus. Aber: grenzenlos ist seine Liebe nicht. Deshalb begab ich mich auf die Suche. Und fand – echte Jeansliebe.

„Bei ner Kettschlichtfärbung hört es auf!“, sagte er. Und grinst. Ganz im Gegenteil zu mir. Ich war etwas enttäuscht. Jedoch konnte ich es verstehen. Während ich vor zehn Jahren noch sauer gewesen wäre, verhalf mir mein über die Jahre enorm gewachsenes KnowHow in Sachen Textil, zu verstehen, warum Bernd bei meinem Wunsch nach einer echten Jeans verneinte. „Es gibt keine Maschinen in unserer Region dafür und ich würde die Weberei wirklich durch den Faserflug einsauen“, erklärte er.

Augschburgdenim ist treu: ihrer Farbe

Unsere Augschburgdenim ist eigentlich kein richtiger Denim. Zwar entspricht die Webbindung, also die Konstruktion der Kett- und Schussfäden einer klassischen Jeans, die Färbung jedoch ist eine andere. Wir färben unserer Garne, selbstverständlich ökologisch, vorab in einem großen Kessel, um anschließend eine blaue Kette zu machen, daraus wiederum tausende Meter robusten A3-Stoff. Sina überprüft Denim-Gewebe an der Webmaschine Sulzer ProjektilDer Vorteil dieser Variante ist zu gleich der Nachteil: selbst nach vielen Jahren verliert die Jeans keinerlei Farbe. Sie bleibt nach unzähligen Tragetagen wie zu Beginn ihres Lebens: blau. Die Farbstabilität ist es aber auch, die uns keinerlei „Waschung“ zulässt. Blau bleibt blau. Ganz klassisch. Was ich als nachhaltige Textilerin sehr schätze, nämlich eine langlebige, dauerhaft gleiche Optik eines Produkts zu erreichen, macht mich als durchaus modischer Mensch manchmal unzufrieden: ab und an mal eine schicke Waschung, etwas hellere Oberschenkel, schöne Nahtschatten, kurz: eine richtige, traditionelle Jeansoptik eben. Das aber geht nur mit einer Kettschlichtfärbung.

Jeansliebe entsteht am Schluss

Hierbei werden die Kettfäden direkt auf dem sogenannten Kettbaum (eine große Rolle) durch mehrere Farbbäder gezogen und oberflächlich mit indigo, dem Pflanzenfarbstoff, benetzt. Im Vergleich zu unserem Garnfärber ist diese Färbung weniger haltbar, weil die Farbpigmente an der Oberfläche der Garne sitzen.Kettschlichtfärbung KettschlichtfärbungAnschließend wird daraus ein Gewebe und in den Nähereien eine Jeans. Wer nun glaubt, das Beinkleid ist fertig, irrt. Denn im Vergleich zu allen anderen Kleidungsstücken, fängt die Arbeit bei einer richtigen Jeans erst an, wenn sie fertig ist, zumindest fertig genäht.

Am Ende fängt die Arbeit an

Die große Kunst, aus einer fertig genähten Jeans ein Lieblingsstück zu machen, liegt im Finish, im Waschen und Schmirgeln, im Schleifen und Sandstrahlen. Letzteres käme für mich niemals infrage, weil es unglaublich auf die Gesundheit der Arbeiter geht, die diesen Arbeitsgang verrichten. Für keine Optik der Welt sollten Menschen gesundheitlich Schaden nehmen. Dagegen ist gegen Bimssteinen in Waschgängen und das Anrauhen der Oberfläche an den Oberschenkeln durch Schleifpapier nichts einzuwenden. Warenschau QualitätssicherungMusterabteilung Denim Jeans Gewebe

„Nähen und verarbeiten kann ich es, eine Wäscherei habe ich, aber keinen Denim“, dachte ich mir. Das aber reichte noch nicht. „Wenn ich mich schon auf die Suche mache, dann möchte ich es so ökologisch wie möglich, mit Biobaumwolle und, ja, etwas Elasthan!“ Als ich Bernd davon erzählte, lächelte er nur winkte ab. „Das ist alle in Asien, Sina, da ist nichts mehr da. Zumindest wüsste ich von keiner mehr, die echten Denim machen.“ Ich hätte ihm glauben können, schließlich ist Bernd seit 45 Jahren in der Textilwelt unterwegs, hat sie in Deutschland hochkommen und niedergehen sehen. Gemeinsam kämpfen wir seit fast zehn Jahren gegen das Verschwinden in unserem Breitengrad. Aber dann kam das Glück dazu.

Echte Liebe braucht Glück

Wer mich kennt, weiß, dass ich oft in Norditalien in Imperia bin, bei „mia famiglia“. Meine Freundin Bettina wohnt auf halber Strecke in Turbigo und ich plante meinen Trip zu ihr. Auf einmal fiel mir wenige Kilometer entfernt auf der Karte auf, dass dort, klein und unscheinbar, „Candiani denim“ stand. Kurzerhand ließ ich das Routenplanen und ging anderweitig auf Recherche. Dann ging alles sehr schnell: Einige Minuten später hing ich, italienisch parlierend, am Telefon. Drei Tage später brachte DHL Musterrollen, die wir zu Jeans vernähten, waschen ließen und anzogen. Erneut griff ich zum Telefon und 19 Tage später, am Donnerstag, stand ich im norditalienische Naturschutzgebiet, mitten in der letzten vollstufigen Denim-Spinnerei und Weberei Europas. Ein Paradies für Textiler. Der Himmel für Jeansliebhaber. Und die Lösung für mich.

Musterabteilung Denim GewebeGang durch das Scherwerk

Drei Stunden lang sah ich mir mit MaryKate, die gesamte Produktion an: von der Rohware, über die Spinnerei, Färberei bis hin zur Weberei. Auf die Frage, ob wir fotografieren dürften, erhielt ich eine überraschende Antwort: „Naturalmente!“ – Selbstverständlich. Dies jedoch ist gerade in Industrieunternehmen, oftmals alles andere als selbstverständlich. Arbeitsschutz, Sicherheit, Innovation – ich sah sehr genau hin, und war am Ende der Tour doppelt begeistert: von einem Unternehmen, das, wie meine Weber in NRW, Textil leben und pflegen, und ich war begeistert von meiner Jeans. Aus der Musterrolle. Diese trug ich seit 19 Tagen, denn ich wollte erfahren, wann das Gewebe und dessen Dehnung in die Knie ging: Gar nicht. Keine ausgebeulten Stellen, kein Aus-der-Form-Laufen. „Normal bei uns“, sagte MaryKate. „Wir waren einer der ersten, die elastische Denim konstruierten und wir haben uns der Qualität verschrieben. Auch, wenn diese etwas teurer ist!“

435 km über die Alpen

Auf dem Weg nach Imperia stand meine Entscheidung fest: echte Bio-Jeans mit Waschung und Elasthan von manomama. Mit echtem Indigo-Denim, der 435 km über die Alpen kommt. Der Zufall wollte es, dass ich die letzte Denim-Weberei in Europa finden sollte und mit ihnen gemeinsam die „redline“ beginnen. Zwar kommt das neue Gewebe aus einem anderen Land (meine Seelenheimat), aber die Strecke ist sogar kürzer als aus Nordrhein-Westfalen. Mit Geweben aus Norditalien und Nordrhein-Westfalen werden wir künftig zwei wunderbare Denim-Linien fertigen können: traditionell-klassisch und modern. Ich freue mich sehr darauf. Und ihr dürft das auch.

(Einen großen Dank an Hendrik für die wunderbaren Bilder!)

9 Antworten auf “Amore italiano: echte Jeansliebe”

    1. Nein, dieser muss in großen Mengen bezogen werden. Zudem wirst du als Hobbyschneiderin nichts mit dem Gewebe anfangen können, da eine anschließende, industrielle Waschung notwendig ist. Lg Sina

  1. Ich mag ja dunkles Blau, gleichmäßig gefärbt, am liebsten und freue mich über langsames Verblassen im Alter. Wenn dann noch der Schnitt (sehr gern mit Schlag) stimmt, freue ich mich auf das neue mannomama-Produkt.

  2. am liebsten habe ich Jeans, die in schönem Denim und so blau sind, wie nur geht (klar, verblasst mit der Zeit) ich habe eher das Problem, wenn mir eine Jeans gefällt, stört mich die Waschung. Wenn es eine Auswahl in Indigo gibt, ohne Waschung, bin ich dabei.

  3. Wenn ich das lese, gibt es mir einen Stich in mein Textil-Ing-Herz! Ich wäre gern noch in dieser Branche tätig. Wenn du textil-süchtig bist, hält das bis ans Lebensende! … Alles Gute und viel Erfolg, liebe Sina!

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