Fuck you, robot!

Ich sitze hier im Zug nach Lüneburg. Das Abteil mit den heruntergesessenen Sitzen im alten IC teile ich mir ausschließlich mit meinen Gedanken. Draußen zieht in ruckeliger Gemütlichkeit die Landschaft an mir vorbei. Eigentlich wollte ich ein weiteres Kapitel für mein neues Buch schreiben. In dem geht es um eine, ja meine, Idee und Vision einer guten Gesellschaft. Im groben sollten die Seiten darüber handeln, wie wir Menschen heute im Erwerbsleben den Kampf gegen Maschinen führen, um unsere eigene „Haut“, unseren Arbeitsplatz zu behalten.

Je mehr ich jedoch darüber nachdenke, glaube ich, auf dem Holzweg zu sein. Dabei geht es mir nicht um „Technik kann uns unterstützen!“ oder „Digitalisierung übernimmt die Arbeit, die eh keiner mehr machen will!“. Das ist schon viel zu detailliert gedacht. Ich bliebe beim „Mensch gegen Maschine“ hängen. Augenscheinlich ein ungleiches Gefecht. Bei näherer Betrachtung empfinde ich es heute, philosophisch gesehen, für einen Kampf mit gleichen Waffen. Denn: Der Mensch unterscheidet sich von der Maschine durch Bauchgefühl, Empathie, Leichtsinn, Schludrigkeit, unberechenbare Kreativität. Allesamt Attribute, die heute in der auf Effizienz und Effektivität getrimmten Leistungsgesellschaft überhaupt nicht mehr zählen. Mehr noch: abtrainiert werden und, sofern vorhanden, möglichst nicht im Arbeitsalltag gezeigt werden sollten. Alles Handeln und Schaffen muss statistisch erfassbar, numerisch kontrollierbar und standardisiert analysierbar sein. Worin also unterscheidet sich der erwerbstätige Mensch heute eigentlich noch von einer Maschine? Beide funktionieren. Müssen funktionieren. Beide wenden Techniken an. Der einzige Unterscheid mag wohl sein: der Mensch funktioniert, um zu Überleben. Die Maschine hingegen kennt keinen Tod.

Ich glaube, um keine Angst mehr vor Digitalisierung, Automatisierung und Robotisierung zu haben, müssen wir uns erst einmal wiederentdecken und sich im Arbeitsumfeld entwickeln lassen: den Menschen in uns. Den kleinen Unterschied. Dann nämlich empfinden wir uns nicht mehr in Konkurrenz und verdrängendem Wettbewerb zur Maschine. Oder bin ich da schon wieder auf dem Holzweg?

7 Antworten auf “Fuck you, robot!”

  1. Der entscheidende Unterschied mag der sein, dass ein Mensch alles was er tut auch mit Hingabe tun kann und jede noch so kleine Tätigkeit für diesen Menschen und andere Menschen sinnstiftend sein kann.

    Beispiel:
    Ein Straßenkehrer kann, wenn er sich als jemand versteht der etwas sinnvolles für die Allgemeinheit tut, mit besonders viel „Hingabe“ kehren. Je besser er kehrt, desto besser ist es für uns alle, desto mehr wertet er sich und seine Arbeit auf. Es ist also in ihm und in der Tätigkeit angelegt, ob es sich befeuert oder nicht. Das funktioniert zunächst sogar mal, ohne das die Außenwelt mitspielt, das kann er ganz alleine für sich so machen.
    In Folge redet er vlt. sogar über seine Arbeit, wie wichtig die ist, tauscht sich mit anderen Straßenkehrern aus, die es dann genau so sehen. Menschen in ihrer Umgebung bemerken auf einmal – „Mensch – das stimmt. Die tun etwas für uns. Straßenkehrer ist gar nicht so ein übler Job, wenn man ihn mit Hingabe betreibt.“
    Straßenkehrer werden echt beliebt. Überall lächelt man sie an und sie kehren noch besser und freuen sich darüber.
    Kehren ist wichtig. Kehren ist gut. Kehren macht die Welt besser.
    Und so richtig fröhlich kehren, dass muss gelernt sein.

    Man kann die Straße übrigens auch von einer Maschine reinigen lassen.

  2. So ein einfacher und schlüssiger Gedankenschatz, der aber so schwer zu finden und zu bergen ist. Und Du entdeckst ihn in einem alten IC-Abteil – faszinierend. Natürlich haben wir gegen die Maschinen nur eine Chance, wenn wir versuchen, das zu sein, was wir sind – Menschen, und nicht Maschinen. Vielen Dank für diese Anregung!

  3. Wie ich mich über Ihre Gedanken gefreut habe! Ich bin Vollblut-Handwerkerin. Als ich meinen Beruf erlernte, wurde uns auch das Handsticken gelehrt. Wichtige Grundlage für die Nutzung der Stickmaschinen. Ich konnte den Wandel von lochkartenangetriebenen Maschinen zu diskettengesteuerten und nach datenkabel- nun auch WLAN-gefütterten Superautomaten erleben…
    Den Menschen hat das alles bisher aber nicht ersetzt. Und gerade am Wochenende hatten wir als Familie die Diskussion, wie zukunftsfähig mein Beruf, meine Berufung, ist.
    Alles was Sie schreiben, schwirrt auch durch meinen Schädel! Bleiben Sie dran! 😉
    Sonnigste Grüße, Antje Kunze aus Leipzig

  4. Der entscheidende Unterschied mag der sein, dass ein Mensch alles was er tut auch mit Hingabe tun kann und jede noch so kleine Tätigkeit für diesen Menschen und andere Menschen sinnstiftend sein kann.

    Beispiel:
    Ein Straßenkehrer kann, wenn er sich als jemand versteht der etwas sinnvolles für die Allgemeinheit tut, mit besonders viel „Hingabe“ kehren. Je besser er kehrt, desto besser ist es für uns alle, desto mehr wertet er sich und seine Arbeit auf. Es ist also in ihm und in der Tätigkeit angelegt, ob es sich befeuert oder nicht. Das funktioniert zunächst sogar mal, ohne das die Außenwelt mitspielt, das kann er ganz alleine für sich so machen.
    In Folge redet er vlt. sogar über seine Arbeit, wie wichtig die ist, tauscht sich mit anderen Straßenkehrern aus, die es dann genau so sehen. Menschen in ihrer Umgebung bemerken auf einmal – „Mensch – das stimmt. Die tun etwas für uns. Straßenkehrer ist gar nicht so ein übler Job, wenn man ihn mit Hingabe betreibt.“
    Straßenkehrer werden echt beliebt. Überall lächelt man sie an und sie kehren noch besser und freuen sich darüber.
    Kehren ist wichtig. Kehren ist gut. Kehren macht die Welt besser.
    Und so richtig fröhlich kehren, dass muss gelernt sein.

    Man kann die Straße übrigens auch von einer Maschine reinigen lassen.

  5. Ich habe keine Angst vor der Digitalisierung. In manchen Bereichen geht sie mir sogar zu langsam voran. Die Maschine sehe ich nicht als Konkurrenz zum Menschen.
    Menschen sind unterschiedlich, reagieren individuell, haben unterschiedliche Stärken und Schwächen. Genau das ist unser Pluspunkt, nur dass wir uns das nicht zu Nutze machen. Ganz im Gegenteil. Wir versuchen immer mehr zu standardisieren. Bei Maschinen mag das sinnvoll sein, bei Menschen ist es das nur begrenzt.

  6. Der Mensch unterscheidet sich von der Maschine durch Bauchgefühl, Empathie, Leichtsinn, Schludrigkeit, unberechenbare Kreativität? Noch! Die neuesten Modelle der Robotik werden mit Spiegelneuronen ausgestattet – sie werden all das auch können – in Zukunft. Sie werden empathische Kollegen mit einer ganz anderen Evolutionsgeschichte sein. Es wird immer über die Berufe gesprochen, die der neuen Technik zum Opfer fallen. Es gibt aber auch die, die durch sie erst entstehen. Hyprid OP Techniker, Roboter Psychologin und Empathieberaterin sind nur einige Beispiele. Menschen müssen sich und ihr Zusammenleben neu erfinden und definieren. Und das ist auch gut so. Die alten Gesellschaftsmodelle waren mit all ihren Konflikten nicht gerade erfolgreich. Das geht besser.

  7. Meines Erachtens gibt es keinen Konkurrenzkampf Mensch Maschine. Dazu müßte eine Maschine ein Bewußtsein haben, was sie aber auf absehbare Zeit nicht bekommt oder entwickeln wird, auch wenn die Technisierung so rasant fortschreitet. Die Maschine an sich sich ist nur ein Werkzeug, wie ein Hammer oder ähnliches. Für unseren Umgang mit den Maschinen gelten doch zwei Dinge: Erstens, welche Idee sie verwirklichen sollen, welche Intuition dahinter steht (dabei ist die Grundintuition gefragt, soll sie den Menschen helfen oder soll sie einem Menschen oder einigen wenigen Menschen helfen, möglichst wenig Aufwand mit einem großen Gewinn zu kombinieren). Und der zweite Aspekt ist, brauche ich für gewisse Zwecke überhaupt Maschinen oder ist das eine versteckte Schieflage im menschlichen Zusammensein (beispielhaft ist dabei der Einsatz von Pflegerobotern, um menschliche Arbeitskräfte zu ersetzen).
    In der endgültigen Konsequenz landen wir auch in dieser Problemstellung Mensch-Maschine in einer Wertediskussion bzw. in der Diskussion über einen Wertewandel in einer zukunftsfähigen Gesellschaft.
    In der letzen Woche las ich einen Artikel, über ein Computerprogramm, das momentan erprobt wird, das in Krankenhäusern bei eingelieferten Patienten den voraussichtlichen Todeszeitpunkt ermitteln soll. Ich wollte mich schon aufregen, aber die Grundidee dieses Programmes ist, rechtzeitig die Pallativmedizin zu aktivieren, die Angehörigen zu verständigen und/oder die Patienten wieder nach Hause zu bringen, damit sie in der Obhut der Angehörigen sterben können. Dies ist für mich beispielhaft, was Maschinen tun können, wenn eine gute Idee dahintersteht.
    Gerade auch im Bereich der Maschinen brauchen wir eine intensive Diskussion über die menschlichen Werte, die den Einsatz mancher Maschine ermöglichen. Dabei würde ich mir auch wünschen, daß wir eine sehr viel intensivere Diskussion um autonome Waffensysteme führen (es gehört zwar nicht in eine Diskussion, die wie hier um zukünftige Arbeit geführt wird, aber mich regt es mächtig auf, mit welcher Gleichgültigkeit dieses Thema in der Öffentlichkeit geführt wird, dabei geht es auch um Zukunft).

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