„Ich will keinen Platz an der Sonne. Ich will einen Platz in der Zukunft.“

Erinnert ihr euch noch an die Pleite des drittgrößten Drogisten? Der schwäbische Konzern hinterließ viel verbrannte Erde – und über 20.000 Menschen standen kurzum ohne Erwerbstätigkeit da. Damals solidarisierte sich gefühlt halb Deutschland mit den „Schlecker-Frauen“.

Das war vor gut fünf Jahren. Vor mehr als 2000 Tagen. In dem heutigen Zeitalter der Ruhelosigkeit muss dies vor einer gefühlten Ewigkeit gewesen sein. Was aber passierte inzwischen? Die letzten fünf Jahre haben uns zahlreiche Smartphone-Generationen und Apps gebracht. Alle zwei Jahre verdoppeln sich die Informationen auf der Welt, sodass der Stellenwert der Vergangenheit täglich mehr verblasst. Das schafft Platz für neue, kunterbunte Fake News und Filterbubbles. Gleichzeitig ist unsere Zeit begrenzt, sodass alles, was uns eben jene spart, gerne genutzt wird. Warum also zum Buchhändler, wenn mir Amazon Prime den Bestseller am selben Tag ins Wohnzimmer liefert? Wieso zum Bahnhof Tickets holen, wenn der Fahrberechtigungs-QR-Code nur einen Klick dauert? Wieso in den Supermarkt, wenn? Moment. Doch, in den Supermarkt möchten wir schon noch. Und in den Drogeriemarkt sowieso. Schließlich ist das stationäre Einkaufen von Produkten, deren Umtausch sich online schwierig gestaltet (und versucht mal, einen auf den Punkt gereiften Camembert bei Nichtgefallen via DHL zu retournieren), nach wie vor Usus. Außerdem muss an jeder wöchentlich wechselnden Duschgel-Sonderedition vor Kauf ausgiebig – pfiff – geschnüffelt werden, ob man selbst so riechen möchte. Und dafür haben wir künftig noch mehr Zeit. Ist das nicht wunderbar? Wem wir danken möchten? Amazon. Denn: Die Zeit, die wir an den langen Schlangen standen, um die Ware zu bezahlen, ist künftig frei. Frei fürs Schnüffeln und Riechen. „Amazon Go“ heißt das Konzept, dass der Online-Riese, der längst seine ökonomische Vormachtstellung in den Offlinebereich ausbaut, in diesen Tagen in Seattle eröffnete: einen Supermarkt ohne Kassen. Man lädt sich eine App herunter, steckt das Smartphone in die Tasche, geht durch die Eingangstür, und mit vollen Shoppingbags wieder hinaus. Beim Verlassen macht es „Pling“ und der gesamte Einkauf wird sekundenschnell vom persönlichen Amazon-Konto abgebucht. Vielen Dank für deinen Einkauf, wird Amazon sagen. Vielen Dank für mehr Zeit, werden wir sagen. Dieses Mehr an Zeit werden wir einsetzen: für uns. Ganz egoistisch. Mitgefühl bekommt keine Minute. Keine Zeit.

Vielen Dank für nichts, werden nämlich über 1 Million Menschen in Deutschland sagen, die heute ihren sicheren Arbeitsplatz an den Kassenbändern haben. Sie werden sich nicht für mehr Zeit bedanken, denn sie werden in Zukunft viel Zeit haben. Zu viel. Sie werden arbeitslos. Sie verlieren ihren Platz in der Leistungsgesellschaft.

Unlängst war ich mit einem Wirtschaftsweisen in einer Talksendung bei Maybritt Illner. Als ich exakt über das oben erwähnte Geschäftsmodell mit ihm sprach – und da wußte ich noch nichts von Amazon Go und dessen Start – wiegelte er ab mit den Worten: „Ach was. Es werden mindestens genauso viele Arbeitsplätze entstehen!“ Aber wo? Wo, liebe Wirtschaftsweisen, entstehen denn zu Hunderttausenden Erwerbsmöglichkeiten in der jeweiligen Region, für Menschen mit niedrigem und mittlerem Bildungsgrad? Dieses Märchen ging schon einmal schief: in Augsburg, einst Textilhauptstadt der Welt und heute unter anderem deshalb ärmste Großstadt in Bayern, erzählte man diese Mär ebenfalls, als zehntausende Arbeitsplätze der Textilindustrie, allesamt ebenfalls Berufsbilder „nicht für Akademiker geeignet“ gen Osten und Südostasien fielen. Der Mensch lernt nicht aus der Vergangenheit. Wie auch, sie verblasst so schnell. Und für Mitgefühl fehlt uns doch die Zeit…

Grundeinkommen. Bedingungsloses Grundeinkommen. Immer öfter sprechen sich Menschen für ein BGE aus. Eine schöne Idee, wirklich. Auch für die Wirtschaft. Dann kann man endlich Massenentlassungen schöner beschreiben. Schließlich werden Menschen vom Zwang der Arbeit befreit. Allein der Gedanke, dass Menschen gerne ihrer Arbeit nachgehen und ihnen diese Möglichkeit ohne Angebot einer alternativen Beschäftigung schlichtweg genommen wird, wird keine Rechnung getragen. Mehr noch: ein bedingungsloses Grundeinkommen legitimiert nicht nur radikale Digitalisierungen auf Kosten der Mitarbeiter und zu Gunsten der Unternehmenseigner, es schickt gleichzeitig den Betroffenen nach Hause an den Küchentisch, um sich einfach mal eben selbst zu motivieren, etwas Neues zu tun. Wie aber soll dies gelingen, wenn er aufgewachsen ist und sozialisiert wurde in einer hundertprozentigen Leistungsgesellschaft. Einer Gesellschaft, in der nur dieser und jener Schein, nicht aber das Sein zählt? Es wird nicht funktionieren. Es dauerte Jahre, bis viele meiner Ladies bei manomama sich an „Urlaub“ gewöhnt hatten. Ich erinnere mich gut an ein Gespräch mit einer Kollegin.
„Du hast noch so viele Urlaubstage, U. Wenn du die jetzt nicht zeitnah nimmst, schicke ich dich in den Zwangsurlaub!“, sagte ich.
„Mensch, Sina! Ich hatte 11 Jahre Urlaub. Lass mich bitte hierbleiben. Ich will arbeiten!“, antwortete sie.
„Komm, jetzt tausche einfach deinen Sitz hier mit einem Platz an der Sonne!“
„Ich will keinen Platz an der Sonne. Ich will einen Platz in der Zukunft!“
Vor fünf Jahren ging sie nur zögerlich in den Urlaub, heute geht es. Langsam.

Selbst bei jüngeren scheint die Prägung der Leistungsgesellschaft noch viel zu sehr verinnerlicht zu sein. Vor kurzem las ich in einem Artikel von einem jungen Mann, der ein Jahr lang 1000,- Euro BGE bekam. Er schilderte dies als Befreiung und nach fünf, sechs Monaten seien die Ideen nur so aus ihm herausgesprudelt, dass er irgendetwas hätte gründen können. Gegründet? Hat er nicht. Meine These: Wäre er auch nur von einer seiner Ideen brennend überzeugt, würde die intrinsische Motivation vorhanden sein, wäre er heute Unternehmer.

Die Zukunft wird schneller kommen, als uns lieb ist. Und wir werden nicht mehr viel Zeit haben, weil wir nicht zu Ende dachten. Das Konzept der Leistungsgesellschaft ist am Ende, wo digitale Konzepte wie Amazon Go Marktreife gewinnen. Die richtige Frage also darf nicht heißen: „Wie wollen wir in Zukunft arbeiten?“ oder „BGE oder nicht?“ (das wird meiner Meinung nach eh kommen, aber nach meiner Vision in einer völlig anderen Variante als derzeit diskutiert) – die erste Frage muss heißen: „Wie wollen wir zukünftig unsere Zeit verbringen?“. Um diese Frage zu beantworten müssen wir sie uns nehmen: die Zeit. Unser kostbarstes Gut. Für die beste Investition: unsere gemeinsame Zukunft.

4 Antworten auf “„Ich will keinen Platz an der Sonne. Ich will einen Platz in der Zukunft.“”

  1. Super Artikel, der vieles, was zur Zeit passiert miteinander in Verbindung setzt.
    Aber da diese Dystopie ja wahrscheinlich unaufhaltsame Realität wird – und sind wir mal ehrlich, die Zeit an einer Supermarkt-Kasse zu verbringen ist jetzt auch nicht ideal – sollte die Frage nicht eher sein: „Wie wollen wir zukünftig Wertschätzung in unserer Gesellschaft verteilen, wenn diese nicht ausschließlich über die Arbeitskraft geschieht.“

  2. Ein sehr guter Artikel mit tollen Ansätzen und Wahrheiten! Ja die Zeit ist ein Gut, was man sich selbst nicht ausreichend nimmt, weil aus Sicht anderer Faktoren schnell und zeitnah Entscheidungrn getroffen werden sollen/ angeblich müssen. Die Gesellschaft folgt dem Prinzip im Berufs- und Privatleben ohne selbstständig zu sagen man braucht mehr Zeit zum Überlegen, mittel- und/ oder längerfristig deren Auswirkungen und Nachhaltigkeit seiner eigenen Entscheidung zu bedenken.

  3. Hallo Sina, mich fasziniert, wie Du die Sachverhalte auf den Punkt bringst.
    Im Elternhaus und in der Schule werden die Weichen, die Grundlagen des Lebens gestellt und gelernt.
    In meinem Umfeld beobachte ich das dies aber rapide bergab geht. Dort ist meiner Meinung nach anzusetzen um wieder die Bodenhaftung zu erlangen. LG Frank

  4. Neulich habe ich im Supermarkt etwas nicht gefunden. Zur Sicherheit dann doch noch die Kassiererin gefragt. Sie meinte, das gibt’s, aber nur draußen. Stand auf, holte mir den Gegenstand und ließ dabei trotz meines Protests – kann ich mir doch selber holen und mich dann nochmal anstellen – ihre Warteschlange einfach noch ein bisschen länger warten, um mir den Gegenstand mit einem Lächeln auf das Band zu legen. Von diesem netten Erlebnis habe ich total gute Laune gekriegt. Die kann mir keine App produzieren.

    Zeit in der Warteschlange ist ja eigentlich nicht verloren – man kann ein bisschen rumschauen oder sich einfach mal ein paar Gedanken machen. Ich würde nicht gern in so einen appgesteuerten Automatiksupermarkt gehen, denn das würde mir vor lauter Zeiteinsparung die Zeit zum Leben nehmen.

    Es kommt für mich nicht darauf an, wie viel Zeit man irgendwo abknapsen kann, um sie danach irgendwie zu Qualitytime umzufunktionieren. Wichtiger ist doch, was man aus jedem Moment macht, egal wo, denn damit kann man ne ganze Menge gut verbrachte Zeit bekommen – und das ganz gratis. Verlorene Zeit gibt’s doch gar nicht! Seit ich das für mich umzusetzen versuche, bin ich zufriedener und weniger gestresst. Und ich habe das gerade deshalb lernen müssen, weil ich „nicht so viel Zeit habe“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s